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Stamm-Gast
   Frankfurt

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Implantat
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Datum:12.07.26 21:40 IP: gespeichert
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"Verdammter Mist". Sarah nahm die Augenbinde ab. Sie hatte sich den Zeh an ihrem Bett gestoßen. Aber schon im nächsten Moment ärgerte sie sich darüber, dass sie mal wieder schwach geworden war.
Sie genoß es nichts zu sehen. Hilflos zu sein. Sie spielte gerne mit ihrer Augenbinde. Fühlte sich damit hilflos. Aber so sehr sie das Spiel auch liebte, sobald Hindernisse auftauchten oder es etwas schwerer wurde gab sie auf und nahm sich die Augenbinde wieder ab. So wie jetzt. Hinterher nervte es sie, dass sie nicht durchgehalten hatte. Aber so war es eben. Die Augenbinde war das Beste was sie alleine tun konnte um ihren Fetisch ausleben zu können. Und leider war es eben zu leicht diese auch wieder abzunehmen. Insgeheim wünschte sie sich, dass das nicht gehen würde. Dass jemand anderes die Kontrolle hätte. Die Kontrolle über ihre Augen.
"Alles in Ordnung?" rief Mia, ihre Mitbewohnerin. Sie kan in Sarahs Zimmer, sah die Augenbinde in ihrer Hand und grinste wissend. Sie hatte sich an die Eigenheiten ihrer Mitbewohnerin gewöhnt. "Jedem das ihre" dachte sie. "Alles gut?" fragte sie sanft erneut.
"Ja, ich hab mir mal wieder den Zeh gestoßen, sonst ist alles in Ordnung". Damit war das Thema beendet.
Sarah und Mia kannten sich schon lange. Waren recht eng. Teilten viel zusammen. Und sie teilten sich die Wohnung seit einigen Jahren. Aber sie waren eben nicht eng genug, als dass mehr daraus wurde. Best Friends ohne Benefits. Es war Sarah zwar etwas peinlich, wenn sie beim Spiel erwischt wurde, aber nicht peinlich genug um es sein zu lassen. Und es amüsierte Mia. Aber nicht genug um mitzuspielen. Und so machte eben jede ihr Ding. Sarah verband sich bei jeder Gelegenheit die Augen und träumte davon die Augenbinde nicht einfach so abnehmen zu können. Und Mia ließ ihrer Mitbewohnerin ihren Fetisch ohne weiter darüber nachzudenken. Und da Sarah von sich aus nie das Thema ansprach, tat es Mia auch nicht. Beide akzeptierten sich so, wie sie waren.
Eines Tages stieß Sarah beim surfen mehr zufällig als absichtlich auf eine Anzeige. Eine Klinik in der Nähe suchte Testpersonen für ein Experiment. Dort hatte man gemeinsam mit einem Startup ein Implantat entwickelt, womit die Leitfähigkeit von Nerven beeinflusst werden konnte. Gedacht war es eigentlich für eine Schmerztherapie oder andere Nervenerkrankungen. Es war damit möglich Nerven gezielt zu blockieren oder zu dämpfen. Die Idee dahinter war, dass so eine Schmerz- oder Reizleitung gedämpft werden konnte. Und nun suchte man Testpersonen für eine Feldstudie. Sarah hatte sich nie sonst für medizinische Studien interessiert. Aber die Begriffe Nerven und blockieren hatten sie sofort getriggert. Die Anzeige hatte ihr einen Gedanken implantiert. Im wahrsten Sinne des Wortes. Die Idee war absurd. Aber sie war da. Eingepflanzt in ihren Kopf.
Auch ein paar Tage später war er da. Der Gedanke ließ Sarah nicht mehr los. Immer wieder drehten sich ihre Gedanken um die Anzeige. Immer wieder las sie die Annonce, hielt ihr Telefon in der Hand um anzurufen. Verfasste den Anfang einer eMail ohne wirklich über ein "Sehr geehrte Damen und Herren" hinauszukommen. Und immer wieder verwarf sie den Gedanken als Hirngespinnst. Aber die Saat war gesät und das Pflänzchen wuchs. Das Teufelchen auf ihrer Schulter flüsterte beständig. Eines Tages hielt Sarah es nicht mehr aus. Sie dachte was soll passieren. Sie wollte sich ja nur informieren. Und sie schrieb die Klinik an. Schrieb, dass sie Interesse hätte das Implantant zu testen und dass sie gerne mehr darüber erfahren würde. Ohne weiter darauf einzugehen was sie daran so reizte. Nun war die Mail versandt. Es war getan. Gespannt wartete sie auf Antwort. Und ein paar Nachrichten später war tatsächlich ein Termin vereinbart, dem Sarah nun entgegen fieberte.
Das Gespräch fand einige Zeit später im Büro des Startups statt. Ein kleines Büro in einem einsam stehenden Gebäude am Rand der Stadt. Die Räumlichkeiten des Startups waren schlicht aber geschmackvoll eingerichtet. Eine freundliche, junge Frau empfing Sarah und brachte sie in einen kleinen Besprechungsraum. Sie brachte ihr etwas zu trinken und bat sie einen Moment zu warten. Sarah war nervös. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals ohne dass sie sich erklären konnte warum eigentlich. Als sie die Tür hörte zuckte sich fast zusammen. Eine junge Ärztin und ein nerdig aussehender Mann, der sich als Cheftechniker vorstellte begrüßten sie. Sie nahmen gegenüber Platz und nach etwas Smalltalk über das Wetter und ob Sarah gut angekommen wäre fragte die Ärztin zunächst welche Leiden und welche Krankengeschichte Sarah hätte um festzustellen, ob das Implantat dabei helfen könnte. Sarah druckste etwas herum. War peinlich berührt. Aber die Ärztin bohrte weiter: "Sie müssen mir schon sagen, woran Sie leiden, damit ich beurteilen kann ob das Implantat in Frage kommt."
Aber was sollte Sarah denn sagen. Ihr gingen tausende Geschichten durch den Kopf. Ausreden wieso und weshalb sie hier war. Der echte Grund war eigentlich verrückt. Aber nun saß sie eben hier. Dachte daran, dass es die Chance wäre. Eine einmalige Gelegenheit. Entweder jetzt oder nie. Sie schloss die Augen. Atmete einmal tief durch. Dann noch einmal. Schließlich sagte sie mit zitternder Stimme: "Ich habe kein Leiden. Ich bin auch vollkommen gesund. Ich mag es nur, mir die Augen zu verbinden und ich frage mich, ob das Implantat. Naja, ich frage mich." Sarah sah aus wie eine Tomate. Es war so peinlich. "Ich frage mich ob das Implantat auch den Sehnerv beeinflussen kann". Jetzt war es raus.
Die Ärztin verschluckte sich an ihrem Kaffee. Und auch der Cheftechniker schaute Sarah mit offenem Mund an. Die Stille im Raum war so intensiv, dass man eine Fliege atmen hören könnte. Und in der Stille hörte Sarah ihr eigenes Herz aufgeregt Blut in ihre ohnehin schon roten Wangen pumpen. Sie zählte die Herzschläge. Die Sekunden. Wünschte sich weg. Wollte am liebsten im Erdboden versinken. Und als sie es schließlich nicht mehr aushielt erhob sie sich und wollte zur Tür.
"Es tut mir leid, ich ich." stammelte Sarah.
Der Techniker fand als erstes seine Sprache wieder. Stolz verkündete er "Ja klar, das geht". Wofür er einen bösen Blick der Ärztin erntete. Schließlich sagte sie "Ja, das geht tatsächlich. Das ist aber eigentlich nicht das, was wir damit tun wollen. Und es ist schon gar nicht das, was wir suchen."
"Ich verstehe. Tut mir leid, dass ich so unsensibel war" antwortete Sarah. Immer noch peinlich berührt und immer noch halb auf dem Weg zur Tür. "Ich denke ich sollte besser gehen."
Die Ärztin und der Techniker wechselten einen Blick. Schließlich atmete die Ärztin tief ein.
"Warten Sie. Die Funktion und die Verträglichkeit können wir genauso gut mit dem Sehnerv testen. Ich will jetzt nicht wissen, warum und weshalb sie das tun wollen. Aber wenn ich damit die Studie durchführen kann und Sie für die regelmäßigen Termine und Fragebögen zur Verfügung stehen - warum nicht".
Sarah grinste innerlich. Würde das wirklich funktionieren. Hoffnung keimte auf.
Manchmal ist mein Kopf so voller Leere, dass man hunderte Bögen Papier damit vollschreiben könnte. Aber da ist überall schon nichts drauf.
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Freak
   Nordbayern
 Ich liebe den Charme des Makels
Beiträge: 104
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RE: Implantat
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Datum:13.07.26 07:14 IP: gespeichert
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Guten morgen Holla, guten morgen Forengemeinde,
Du triffst einen Nerv mit dieser Geschichte, Du erzählst MEINE Geschichte.
Das Leben2, das Leben vom Charme des Makels, von der verhassten Belieb7gkeit im Alltag, von der Suche nach Hilfe in Form fürsorglich, resoluter Unterstützung.
Dem Zwiespalt von Leben1, Alltag und Beruf, und dem Leben2, dem unabänderlichen Wunsch, der eigene Körper, die eigenen Sinne mögen so modifiziert sein, dass dies kongruent, übereinstimmend zu dem in Kopf und Geist empfundenen Körper"bild" sein möge.
Nimm mich mit zu dieser Studie, nimm mich mit auf diese Reise.
Habt eine schöne Woche, der Start ist für mich durch diesen "Bericht" euphorisch, wunderbar.
Sturmgras1
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Stamm-Gast
   Frankfurt

Beiträge: 205
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RE: Implantat
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Datum:13.07.26 20:53 IP: gespeichert
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Danke für die netten Worte. Ich hoffe, die weiteren Teile gefallen auch.
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Die Ärztin stellte zunächst die Randbedingungen des Experiments vor. Das Implantat würde in einer ambulanten Operation in die Nähe des Gehirns in den Schädel eingesetzt und müsste dann dort eine Woche verheilen. Anschließend könnte Sarah das Implantat frei nutzen. Für die Dauer eines Jahres müsste sie zunächst wöchentlich, später monatlich zur Kontrolle. Und sie müsste ein Tagebuch über ihre Erlebnisse führen. Ihre Erfahrungen mitteilen. Wichtig wäre für die Studie, wie gut es funktionierte und ob es damit Komplikationen oder sonstige Nebenwirkungen gäbe. Daneben würde das Implantat mit Ausnahme von medizinischen Problemen dauerhaft in Sarahs Kopf bleiben müssen. Darauf wies sie die Ärztin gleich mehrfach hin. "Es ist wichtig zu verstehen, dass wir das Implantat nur bei ernsten Komplikationen wieder entfernen können. Ansonsten ist das sehr aufwändig, wenn das Implantat verwachsen ist."
Damit konnte Sarah leben. Wenn das Implantat das hielt, was sie sich davon erträumte, dann war das ein Lottogewinn und um nichts in der Welt würde sie das aufgeben wollen. Wenn sie in dem Moment geahnt hätte, was ihr bevor stand, hätte sie vermutlich zweimal darüber nachgedacht. Manche Wünsche gehen in Erfüllung. Und manchmal muss man aufpassen, was man sich wünscht. Aber davon ahnte sie in dem Moment noch nichts. Und so war es ihr nur Recht, wenn sie das Implantat dauerhaft behalten durfte - oder musste.
Anschließend war es die Sternstunde des Technikers, der nicht ohne Stolz die Funktion des Implantats beschrieb. Dabei wurde er nicht müde zu betonen welchen Geniestreich er und sein Team dabei vollbracht hätten. Mensch-Maschine Interaktion in Perfektion. Seinen Worten nach sah der Terminator dagegen aus wie die Dampfmaschine im Vergleich zu einem Flugzeug. Wie das Implantat genau funktionierte da konnte Sarah nicht folgen. Sie verstand aber zumindest das wichtigste.
Für das Implantat gab es eine kleine Fernbedienung mit der es aktiviert und deaktiviert werden konnte. Zur Sicherheit war diese mit einem Fingerabdruck gesichert, sodass das Implantat nur von berechtigten Personen gesteuert werden konnte. Ansonsten war eigentlich alles relativ einfach. Es gab eine Einstellung zwischen 0 und 100% die die Durchlässigkeit des Sehnervs setzen würde. Bei 0% würde kein Signal durch den Sehnerv das Gehirn erreichen. Bei 100% wäre das Implantat quasi nicht vorhanden. Die genauen Details zur Funktionsweise waren dagegen biotechnologisches Kauderwelsch für Sarah. Science Fiction. Sie war sich sicher, dass außer dem Cheftechniker noch nicht einmal die Ärztin verstand wovon dieser sprach.
Dafür schlug ihr Kopfkino bereits hohe Wellen. Monsterwellen. Zwei Stunden, mehrere Unterschriften und eine Terminvereinbarung später saß sie schließlich wieder zu Hause. Jetzt fragte sie sich, ob das wirklich gut und richtig war. Ob sie so mit ihrer Gesundheit spielen sollte. Aber die Ärztin und der Techniker hatten ihr erklärt, dass das Risiko für das Einsetzen und die Nutzung sehr klein wären. Lediglich die OP falls das Implantat entfernt werden müsste wäre aufwändig und nicht ganz ungefährlich. Aber wenn das Implantat hielt, was Sarah sich davon versprach, dann würde sie das eh nicht wollen. Und am nächsten Tag kam ihr alles wie ein Traum vor. War das gestern wirklich passiert? Sie kniff sich um sicherzugehen, dass sie wach war. Dann schaute sie auf die Anzeige. Check. Dann in den Terminkalender. Auch Check. Ja, es war wahr. Sie hatte nicht geträumt. Auch wenn sie von da an jeden Tag tagträumte. Auf den Termin der OP hinfieberte. Und auch Mia nicht entging, dass Sarah etwas neben der Spur war. Auch wenn diese abwinkte. Sarah schien nur noch in Gedanken zu sein. Zu träumen. Und Sarah wünschte sich, sie könnte die Zeit schneller drehen. Aber nach und nach, Tag um Tag kam der Eintrag im Kalender näher. Und mit ihm Sarahs Vorfreude, Nervosität und Unruhe. Sie hatte keine Ahnung davon wie gut es sein würde. Sie hätte sich nie erträumt, dass das Implantat nicht nur hielt was sie sich davon versprach, sondern all ihre Vorstellungen und kühnsten Träume geradezu pulverisieren würde. Vor allem aber dass bald schon nichts mehr beim alten bleiben würde.
Manchmal ist mein Kopf so voller Leere, dass man hunderte Bögen Papier damit vollschreiben könnte. Aber da ist überall schon nichts drauf.
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