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| DrSimon |
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    Köln

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Jane and Maura
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Datum:16.04.26 21:23 IP: gespeichert
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Kapitel 1
Der Abend senkte sich wie ein samtenes Tuch über die Back Bay von Boston, und die Lichter der Stadt flimmerten durch die hohen, bodentiefen Fenster von Maura Isles’ Apartment wie ein fernes, unruhiges Meer. Die Luft im Wohnzimmer war erfüllt vom zarten, fast therapeutischen Duft von Lavendel und einem Hauch von Sandelholz, den der Diffusor auf dem Sideboard leise in den Raum hauchte. Maura hatte ihn vor einer Stunde eingeschaltet, in der Hoffnung, die sterile Schärfe des Formaldehyds aus ihren Poren zu vertreiben, die sich trotz dreier ausgiebiger Duschen hartnäckig hielt. Das Licht der Stehlampe neben dem Sofa warf einen warmen, goldenen Schein auf die cremefarbenen Polster, doch es vermochte nicht, die Schatten unter ihren Augen zu mildern. Sie saß dort, die Beine elegant übereinandergeschlagen, die Seidenbluse in einem tiefen Burgunderrot, die sich weich an ihre Haut schmiegte, als wollte sie eine Zärtlichkeit vortäuschen, die es nicht gab. Ihre Finger umfassten das Weinglas – ein 2015er Bordeaux, dessen erdiger, fast ledriger Geruch sich mit dem Lavendel mischte – und drehten es langsam, sodass das Licht in der tiefroten Flüssigkeit tanzte.
In ihrem Inneren brodelte es leise, ein stetiges, erschöpftes Summen, das sie seit Wochen begleitete. Warum fühlt sich alles so schwer an?, dachte sie, während ihr Blick über die perfekt arrangierten Bücherregale glitt, die medizinischen Fachbücher neben den Erstausgaben von Jane Austen. Ich bin ausgelaugt. Leer. Als hätte jemand den Stecker gezogen und vergessen, ihn wieder einzustecken. Die Obduktionen, die Berichte, die endlosen Gespräche mit Detectives, die nur Fakten wollen und nie die Nuancen sehen... und dann komme ich hierher, in dieses schöne, leere Zuhause. Ich sehne mich nach einer festen Beziehung, nach jemandem, der bleibt. Der mich nicht nur als die brillante Dr. Isles sieht, sondern als Frau. Mit all meinen Kanten und Brüchen. Aber jede Beziehung bisher... sie zerbricht. Ist es meine Schuld? Bin ich zu präzise, zu distanziert, zu sehr die Wissenschaftlerin, die alles analysiert, statt einfach zu fühlen?
Ein leises Klopfen an der Tür riss sie aus ihren Gedanken. Es war nicht das scharfe, dienstliche Klopfen eines Kollegen, sondern ein vertrautes, rhythmisches Pochen – drei kurze Schläge, dann eine Pause. Jane. Maura stellte das Glas ab, spürte, wie die kühle Kristallkante noch einen Moment an ihren Fingerspitzen haftete, und erhob sich. Ihre Bewegungen waren fließend, doch in den Schultern lag eine kaum merkliche Anspannung, die nur jemand bemerkte, der sie so gut kannte wie Jane Rizzoli.
Sie öffnete die Tür, und da stand Jane, die Lederjacke lässig über die Schulter geworfen, die dunklen Locken zu einem lockeren Pferdesch****z gebunden, der ein paar Strähnen frei ließ, die sich widerspenstig an ihre Wangen schmiegten. Der Geruch von frischem Regen, gemischt mit dem schwachen, vertrauten Aroma von Kaffee und einem Hauch von Schießpulver aus dem Schießstand, wehte herein. Janes Augen, diese dunklen, wachen Augen, musterten Maura sofort mit jener Mischung aus Sorge und Zuneigung, die sie nie ganz verbergen konnte. Ein schiefes Lächeln umspielte ihre Lippen, doch es erreichte nicht ganz ihre Augen.
„Hey, Maura“, sagte Jane, ihre Stimme rau vom langen Tag, aber warm, als sie eintrat und die Tür hinter sich schloss. Sie zog die Jacke aus und hängte sie über den Haken im Flur, eine Geste, die so natürlich wirkte, als gehöre sie hierher. „Du siehst aus, als hättest du den ganzen Tag mit Leichen verbracht. Was, warte – hast du ja auch.“ Ein leises Lachen, das die Luft zwischen ihnen etwas leichter machte, doch Maura hörte den Unterton: Ich sehe mehr als das. Erzähl mir, was wirklich los ist.
Maura schloss die Tür, spürte das kühle Metall des Türknaufs unter ihrer Handfläche, und drehte sich um. Sie spürte Janes Blick auf sich ruhen, wie eine sanfte Berührung, die sie gleichzeitig tröstete und verletzlich machte. „Jane. Schön, dass du gekommen bist. Ich habe Wein geöffnet. Einen guten. Möchtest du ein Glas?“ Ihre Stimme war ruhig, kontrolliert, die Stimme der Pathologin, die selbst in privaten Momenten die Fassade wahrte. Doch ihre Finger verrieten sie – sie strichen kurz über den Saum ihrer Bluse, eine winzige, nervöse Geste, die Jane nicht entging.
Jane nickte, warf sich auf das Sofa, genau dort, wo Maura eben noch gesessen hatte. Die Polster gaben unter ihrem Gewicht nach, und sie streckte die Beine aus, die Stiefel leicht schmutzig vom Bostoner Pflaster. „Klar. Aber nur, wenn du nicht wieder anfängst, mir die chemische Zusammensetzung zu erklären. Ich will einfach trinken und reden.“ Sie klopfte neben sich auf das Sofa, eine Einladung, die mehr war als nur Platz. Setz dich. Lass los.
Maura goss ein zweites Glas ein, das leise Gluckern des Weins ein beruhigendes Geräusch in der Stille. Sie reichte es Jane, ihre Finger berührten sich kurz – warm gegen kühl –, und setzte sich dann, nicht ganz nah, nicht ganz fern. Die Distanz war bewusst, doch Maura spürte die Wärme von Janes Körper wie eine unsichtbare Linie, die sie anzog. Der Duft von Janes Parfüm – etwas Holziges, mit einem Hauch von Zitrone – mischte sich mit dem Lavendel und dem Wein, und für einen Moment fühlte Maura sich geerdet. Sie ist hier. Sie ist immer hier, wenn ich sie brauche. Warum kann ich das nicht mit einem Partner haben?
Sie schwiegen einen Augenblick, tranken. Das Licht der Lampe fiel auf Janes Gesicht, beleuchtete die feinen Linien um ihre Augen, die von zu vielen Nächten ohne Schlaf erzählten. Jane drehte das Glas in ihren Händen, ihre Nägel kurz und praktisch, im Gegensatz zu Mauras gepflegten. „Du bist still heute Abend“, sagte Jane schließlich, ihre Stimme tiefer, forschender. „Nicht die übliche Maura, die mir von irgendeinem obskuren Knochenbruch erzählt. Was ist los? Raus damit. Ich beiß nicht.“
Maura lächelte schwach, doch es war ein Lächeln, das ihre Augen nicht erreichte. Sie stellte das Glas ab, lehnte sich zurück und spürte das weiche Leder des Sofas an ihrem Rücken, kühl und stützend. Ihr Herz schlug ein wenig schneller, ein leises Pochen, das sie in ihren Schläfen spürte. Soll ich es sagen? Soll ich die perfekte Fassade fallen lassen? „Ich... ich bin ausgelaugt, Jane“, begann sie leise, die Worte kamen zögernd, als müsste sie jedes einzelne prüfen. „Nicht nur körperlich. Es ist tiefer. Ich fühle mich unglücklich. Leer. Als ob das Leben, das ich mir aufgebaut habe – die Karriere, das Apartment, all die Dinge, die perfekt sein sollten – nicht reicht. Ich sehne mich nach etwas Festem. Einer Beziehung, die hält. Jemandem, der abends hier ist, wenn ich nach Hause komme. Der mich nicht nur respektiert, sondern... mich will. Mit all meinen Eigenheiten.“
Jane hörte zu, ohne sie zu unterbrechen. Sie nickte kaum merklich, ihr Körper leicht vorgebeugt, die Ellbogen auf den Knien, eine Haltung, die pure Aufmerksamkeit signalisierte. Die subtile Körpersprache – wie sie ihr Gewicht verlagerte, als wollte sie näher rücken, ohne es zu tun – sprach Bände. Ich bin da. Ich höre zu. Der Regen draußen hatte zugenommen, ein sanftes Prasseln gegen die Fenster, das die Atmosphäre noch intimer machte, als wären sie in einer eigenen kleinen Welt eingeschlossen.
Maura fuhr fort, ihre Stimme gewann an Intensität, doch sie blieb kontrolliert, fast klinisch in der Beschreibung ihrer eigenen Gefühle. „Alle meine Beziehungen bisher sind gescheitert. Ich habe es versucht – mit Männern, mit Frauen, mit Menschen, die intellektuell passten, die leidenschaftlich waren. Aber am Ende... löst es sich auf. Wie Nebel im Morgenlicht. Und ich frage mich ständig: Bin ich schuld? Liegt es an mir? Ich analysiere alles. Ich plane. Ich brauche Ordnung, Jane. Vielleicht mache ich sie damit kaputt. Vielleicht bin ich zu... unnahbar. Zu sehr die Frau, die weiß, wie ein Herz aufgeschnitten wird, statt zu wissen, wie man eines öffnet.“
Die Worte hingen in der Luft, schwerer als der Duft des Weins. Maura spürte eine Wärme in ihren Wangen aufsteigen, nicht vom Alkohol, sondern von der Verletzlichkeit. Ihr Puls beschleunigte sich leicht, und sie bemerkte, wie Jane ihre Hand ausstreckte – nicht ganz berührend, aber nah genug, dass Maura die Wärme ihrer Finger spürte. Janes Augen waren fest auf sie gerichtet, dunkel und voller Mitgefühl, mit einem Unterton von etwas Tieferem, das Maura nicht benennen wollte. Sie versteht. Sie hat es immer verstanden, ohne Worte.
Jane nahm einen Schluck, ließ den Wein einen Moment auf ihrer Zunge ruhen, bevor sie sprach. Ihre Stimme war sanft, aber direkt, der Bostoner Akzent warm und erdend. „Maura... hör zu. Du bist nicht schuld. Nicht so, wie du denkst. Du bist verdammt noch mal eine der stärksten, klügsten Frauen, die ich kenne. Aber du gibst dir selbst nie eine Pause. Du bist immer die Perfekte. Die, die alles richtig macht. Vielleicht brauchst du einfach mal... Abstand. Raum zum Atmen.“ Sie zögerte, ihr Blick wanderte kurz zum Fenster, wo der Regen Streifen auf das Glas malte, dann zurück zu Maura. Ein Lächeln, dieses schiefe, das Maura so liebte, kroch über Janes Lippen. „Weißt du, wo ich vor ein paar Wochen war? Dieses Wellness-Resort oben in den Berkshires. Ich war da zum Ausspannen – total spontan, nach dem Chaos mit dem letzten Fall. Es war... fantastisch. Kein Handy, keine Leichen, keine Druck. Nur Sauna, Massagen, heiße Quellen unter dem Sternenhimmel. Der Duft von Kiefern und Eukalyptus überall. Man fühlt sich danach wie neu geboren. Kein Druck, keine Erwartungen. Nur du und dein Körper und dein Kopf, der endlich mal still ist.“
Maura hörte zu, spürte, wie die Worte in sie sickerten wie der Wein in ihre Adern. Die Beschreibung des Resorts malte Bilder in ihrem Geist: dampfende Pools, das leise Plätschern von Wasser, der warme Dampf, der die Haut umhüllte, der Geruch von ätherischen Ölen, der alles Weiche und Sinnliche weckte. Das klingt... verlockend. Ein Ort, an dem ich nicht die Pathologin sein muss. Nur Maura. Sie lehnte sich ein wenig vor, ihre Knie berührten fast Janes, eine unbewusste Nähe, die die Luft zwischen ihnen knistern ließ. „Erzähl mir mehr“, murmelte sie, ihre Stimme weicher jetzt, der Unterton neugierig, fast sehnsüchtig. „Wie war es genau? Die Atmosphäre. Die Gefühle.“
Jane lachte leise, ein warmer, kehliger Laut, der die Spannung löste. Sie beschrieb es detailliert, filmisch langsam, als würde sie die Szene vor Mauras innerem Auge entfalten: die Holzhütten inmitten alter Bäume, das goldene Licht der Abendsonne, das durch die Blätter fiel, das leise Murmeln der Bäche, der Geruch von frischem Moos und Kräutertees. Wie sie stundenlang in der Sauna gesessen hatte, Schweißperlen auf der Haut, das Gefühl von Wärme, die tief in die Muskeln drang und alle Knoten löste. „Es war, als würde der Ort selbst dich umarmen“, sagte Jane, ihre Hand jetzt auf Mauras Unterarm gelegt – eine leichte, freundschaftliche Berührung, doch die Finger verweilten einen Herzschlag länger als nötig. „Keine Erwartungen. Nur Sein. Du solltest hinfahren, Maura. Allein. Oder... mit jemandem, wenn du willst. Aber ich schwöre dir, danach fühlst du dich nicht mehr so ausgelaugt. Nicht mehr so unglücklich. Und vielleicht... vielleicht findest du dort den Raum, den du brauchst, um nicht mehr zu fragen, ob es deine Schuld ist.“
Maura nickte langsam, spürte, wie die Worte in ihr nachhallten. Die Müdigkeit in ihren Gliedern schien ein wenig nachzulassen, ersetzt durch eine leise, zaghafte Hoffnung. Der Regen draußen wurde stärker, ein stetiges, beruhigendes Rauschen, das die Welt draußen fernhielt. Das Licht im Zimmer schien wärmer, der Duft intensiver. Sie nahm einen weiteren Schluck Wein, ließ ihn über ihre Zunge rollen, schmeckte die dunklen Beeren und die Eiche, und zum ersten Mal seit Wochen fühlte sie sich nicht ganz so allein. Jane war hier, nah, ihre Präsenz ein Anker in der Stille. Vielleicht hat sie recht. Vielleicht ist das der Anfang von etwas. Ein Ort zum Heilen. Zum Atmen. Zum Fühlen.
Die beiden Frauen saßen noch lange so da, das Gespräch floss weiter, mal leise, mal mit Janes typischem Humor durchsetzt, doch immer mit jenem Unterton von tiefer Verbundenheit. Die Nacht zog sich hin, das Licht der Lampe wurde zu einem Kokon, und Maura spürte, wie die Erschöpfung sich in etwas anderes verwandelte – in eine leise Vorfreude auf das, was kommen mochte. Das Resort. Die Pause. Und vielleicht, nur vielleicht, der Raum für mehr als nur Arbeit und Einsamkeit.
Draußen in der Stadt pulsierte Boston weiter, doch hier, in diesem Apartment, war die Welt klein und warm und voller unausgesprochener Möglichkeiten. Maura lehnte sich zurück, ließ ihren Kopf für einen Moment gegen die Sofalehne sinken, und schloss die Augen. Der Duft des Weins, des Lavendels, Janes Nähe – all das hüllte sie ein wie eine sanfte Umarmung. Und in ihrem Inneren flüsterte eine Stimme, leise, aber klar: Vielleicht ist es Zeit, loszulassen.
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