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Thema:
eröffnet von DarkO am 20.12.25 10:46
letzter Beitrag von Neuschreiber63 am 10.01.26 10:49

1. Die magische Wolle

geschrieben von DarkO am 20.12.25 10:46

Mit einem besonderen Gruß an meinen wackeren Schreiberkollegen @Neuschreiber63 kommt hier meine nächste Geschichte. Dieses Mal kein dicker Schinken, sondern eher ein kleines Häppchen für Zwischendurch. Leichte Kost, wenn einem der fette Weihnachtsbraten ohnehin noch schwer im Magen liegt. Es erwarten euch also einige eher kurze Kapitel. Der nachfolgende Text wurde nicht ausschließlich, aber doch mit der Hilfe von KI erstellt.



Ankommen

Als Lena Marie Hoffmann Anfang Oktober im Schwarzwald ankommt, ist sie überrascht, wie früh die Kälte hier ernst gemeint ist. Nicht beiläufig, nicht wie in ihrer Heimat Nordrhein-Westfalen, wo man friert, solange man stillsteht, aber es nach dem ersten Schritt wieder vergisst. Hier oben bleibt die Kälte. Sie liegt in der Luft, setzt sich in Kleidung fest, wartet in Schatten und Ecken.

Lena ist dreiundzwanzig Jahre alt. Sie hat ihren Bachelor in Politikwissenschaft in Münster abgeschlossen, solide, ohne große Umwege. Der Masterstudiengang ‚International Relations and Cultural Diplomacy‘ an der Hochschule Furtwangen war eine bewusste Entscheidung. Kein Großstadtcampus, keine anonyme Masse. Stattdessen kleine Vorlesungssäle trotz internationaler Ausrichtung, ein Ort, an dem man sich nicht verlieren kann.

Was sie unterschätzt hat, ist das Klima.

Ihre Studentenbude liegt in Vöhrenbach, dem nächsten Ort östlich von Furtwangen. Da sie kein eigenes Auto hat, wäre ihr ein Zimmer in einem der Wohnheime nahe der Hochschule natürlich lieber gewesen. Leider hatte sie ebenfalls unterschätzt, wie groß die Nachfrage danach war. Jetzt muss sie jeden Tag mit dem Bus fahren. Das raubt Zeit. Dafür ist ihr Zimmer in dem Haus ein Stück oberhalb des Busbahnhofs deutlich billiger. Dieses Haus ist mindestens so alt wie sein Besitzer, Herr Kunz, Lenas Vermieter, dementsprechend schlecht isoliert. Die Heizung arbeitet, aber träge. Morgens ist der Boden kalt, selbst durch dicke Socken hindurch. Lena zieht sich schichtweise an: T-Shirt, Pullover, Jacke. Jeans, Sneaker. Kleidung, die sie seit Jahren besitzt und die für milde Winter gedacht war.

Der Bus zur Hochschule fährt auf der Straße, die sich, ebenso wie der kleine Bach mit dem Namen ‚Breg‘ links daneben, an großen Weideflächen vorbei durch das breite Tal schlängelt. Beim Anblick dieses Rinnsals erscheint es ihr beinahe unmöglich, dass aus diesem im Laufe seiner fast dreitausend Kilometer langen Reise zum Schwarzen Meer schließlich der wasserreichste Fluss Europas heranwachsen soll. Und natürlich sieht man hier auch jede Menge Wald. – In welche Richtung man auch schaut, überall stehen hohe dunkle Nadelbäume. Dazwischen vereinzelte Häuser, die sich an den Hang klammern. Der Campus selbst wirkt kompakt, fast abgeschottet. Lena mag das grundsätzlich. Sie setzt sich in Vorlesungen meist nach vorn, hört aufmerksam zu, macht sich Notizen. Sie meldet sich selten, aber wenn, dann vorbereitet.

Zwischen den Lehrveranstaltungen geht sie manchmal nach draußen, um frische Luft zu schnappen. Öfter aber zieht sie es vor, mit einem Pappbecher Kaffee in der Hand in einem der Flure zu stehen oder zu sitzen. Genau genommen friert sie selbst drinnen. Kein dramatisches Frieren, eher ein konstanter Zustand, der Aufmerksamkeit bindet. Sie merkt, wie sie mehr Energie darauf verwendet, warm zu bleiben, als ihr lieb ist.

--Fortsetzung folgt--

DarkO

2. RE: Die magische Wolle

geschrieben von Neuschreiber63 am 20.12.25 12:38

Oh, vielen Dank für den Gruß

Und natürlich freut es mich besonders, wenn meine Geschichten zu neuen Taten inspirieren

Ich stelle auch gewisse Ähnlichkeiten zwischen Jessie und Lena Marie fest - z. B. den Masterstudiengang in der Provinz...
Wobei Furtwangen natürlich noch deutlich heftiger ist als Indianapolis - klingt fast wie eine Parodie auf meine Parodie
Ob Lena Marie jetzt auch eine Feministin an der Uni trifft??

Auf jeden Fall scheint die Gute eine magische Wolle gut gebrauchen zu können...


P.S.: Ich hoffe, dass unsere Lena Marie ihr Studium schafft und sich nicht mit einem "geschönten" Lebenslauf durchmogeln muss...

3. RE: Die magische Wolle

geschrieben von MartinII am 20.12.25 15:58

Spannender Anfang - wie es wohl weitergeht?
4. RE: Die magische Wolle

geschrieben von KK 2 am 20.12.25 21:10

Irgendwie habe ich das Gefühl, das hier die Schreiber der guten Geschichten ihre Sadistischen Adern ausleben!
Immer diese Werbepausen an Stellen wo der/die Leser/in wissen will, wie es weitergeht und dann warten muss, bis die nächsten Häppchen Online sind...
5. RE: Die magische Wolle

geschrieben von DarkO am 21.12.25 11:01

Mein Plan ist, hier jeden Tag ein Kapitel zu veröffentlichen, sodass diese Geschichte bis zum Ende der Weihnachtsferien abgeschlossen ist, und wir uns wieder anderen wichtigen Dingen widmen können. Das setzt voraus, dass die KI ordentlich mitspielt. Zuerst dachte ich, mit deren Hilfe schreibt sich so eine Geschichte quasi von selbst, da muss man nur noch ein Bisschen biegen und feilen, dann ist das rund. Doch dann habe ich gemerkt, dass es teilweise fünf bis sechs Anläufe für einen Absatz braucht, bis da halbwegs ein Schuh draus wird. Manchmal denke ich: Jetzt geb‘ ich dir noch eine Chance, dann schreib‘ ich das selber. – Oft bin ich so tatsächlich schneller.



Heißer Kaffee gegen kaltes Klima

Es ist früher Morgen, kurz nach acht. Lena steht vor dem Hauptgebäude der HFU in Furtwangen und zieht den Reißverschluss ihrer Jacke bis zum Kinn hoch. Jetzt ist erst Oktober, also eigentlich Herbst, aber die Luft ist kühl, feucht, deutlich kälter als alles, was sie aus NRW kennt. So etwas gab es in ihrer Heimat nur im Winter. Mit einer Mischung aus Faszination und Schrecken beobachtet sie, wie ihr Atem kleine Wolken bildet.

Um sie herum sammeln sich Studierende mit Kaffeebechern, Rucksäcken und mitunter noch etwas verschlafenen Gesichtern. Einige zünden sich Zigaretten an, andere unterhalten sich. Manche auf Englisch, mit unterschiedlichen Akzenten. Vereinzelt vernimmt sie auch fremde Sprachen. Sie merkt, dass sie automatisch zuhört, versucht einzuordnen, wer wohl aus welchem Land kommt.

Die Hörsäle hier sind sogar noch kleiner, als sie erwartet hat. Besser als der anonymer Massenbetrieb an anderen Hochschulen. Als die Dozentin beginnt, über ‚Cultural Diplomacy as soft power‘ zu sprechen, notiert Lena fast alles. Nicht aus Pflichtgefühl, sondern weil sie spürt, dass das hier tatsächlich ihr Thema ist. Gleichzeitig meldet sich leise Unsicherheit: Viele scheinen bereits Auslandserfahrung zu haben, sprechen selbstverständlich über Praktika, internationale Schulen und Gap Years.

In der Pause tritt sie wieder nach draußen, mit einem dampfenden Kaffeebecher in der Hand. Sofort kriecht die Kälte erneut durch die dünnen Sneakers. Sie zittert leicht. Neben ihr steht ein etwa gleichaltriger Student im Hoodie, offensichtlich unbeeindruckt vom Wetter. Er nippt ruhig an seinem Kaffee und sagt beiläufig: „Wart mal ab, das hier ist noch warm.“

Lena lacht unsicher. „Heißt das, hier ist es immer schon im Oktober dermaßen kalt?“

Jetzt lacht auch der Typ neben ihr. „Wusstest du das etwa nicht? Die HFU ist die einzige Hochschule in ganz Deutschland mit zwei Wintersemestern. Okay, offiziell ist das nur ein Scherz, aber soll ich dir mal den Spruch sagen, den mein Vater ziemlich oft bringt? ‚Wenn wir Glück haben, dann fällt der Sommer heuer auf ein Wochenende.‘“

In diesem Moment wird ihr klar, dass das Studium in Furtwangen nicht nur fachlich, sondern auch persönlich ein Neuanfang ist. Jedenfalls scheint ihr bisheriges Verständnis von den Jahreszeiten hier nicht mehr zu gelten.

Sie geht wieder rein. Gleich beginnt die Vorlesung ‚International Political Economy‘. Obwohl die HFU alles andere als groß ist, so hat sie jetzt am Anfang ihres Studiums dennoch leichte Schwierigkeiten, sich in den langen Fluren zurechtzufinden. Schließlich findet sie den Raum mit der passenden Kombination aus Buchstaben und Nummer und setzt sich wie üblich in die erste Reihe. Sie entscheidet sich für den Platz neben der Tür. Möglichst weit weg vom Fenster. Dort sind zwar die Heizkörper, aber eben obendrüber auch die Fenster. Offenbar gibt es immer jemanden, der ein gestörtes Wärmeempfinden besitzt und selbst bei der sibirischen Kälte, die draußen gegenwärtig herrscht, noch ein Fenster öffnet. Nein, nicht bloß auf Kipp, das würde die Heizung ja vielleicht gerade noch kompensieren können.

Eigentlich weiß sie, was ihr helfen würde. Ein guter Wintermantel zum Beispiel. Dazu ein Paar gefütterte Stiefel. Vielleicht noch Funktionskleidung. Aber ihr Budget ist knapp. Die Miete, dazu das ganze Studienmaterial zu Semesterbeginn, dann noch Rücklagen für Unvorhergesehenes. Größere Anschaffungen schiebt sie automatisch auf später.

Als einer der letzten Zuhörer betritt der Typ mit dem schwarzen Hoodie den Hörsaal. Er ist also in demselben Studiengang wie sie, wahrscheinlich auch im selben Semester. Vielleicht könnte er ihr mit ein paar hilfreichen Ratschlägen aushelfen, wie sie in dieser rauen Gegend die größten Überlebenschancen hätte. Er geht an ihr vorbei, offenbar ohne sie wahrzunehmen.

Mittags in der Mensa entscheidet Lena sich für das Gericht ‚Spätzlepfanne nach Jägerart‘, setzt sich mit ihrem Tablett an einen freien Tisch und fängt an zu essen. Das muss ja ein ziemlich miserabler Jäger sein, denkt sie sich, denn in der Soße auf ihrem Teller schwimmen nur etliche Pilze, aber kein einziges Stückchen Fleisch. Vielleicht war ‚Jäger‘ auch lediglich der Nachname des Kochs, so wie andere Leute heutzutage eben ‚Schmidt‘, ‚Bauer‘, ‚Müller‘ oder ‚Schneider‘ heißen, ohne den entsprechenden Beruf tatsächlich auszuüben.

--Fortsetzung folgt--

DarkO
6. RE: Die magische Wolle

geschrieben von Neuschreiber63 am 21.12.25 12:19

Tja, willkommen im Club...
Theoretisch schreibt die KI schon allein - aber das Ergebnis ist dann doch recht mittelmäßig und/oder nicht das, was man möchte.
Ging mir tatsächlich auch schon ein paar Mal so, dass ich es aufgegeben habe und selber den Inhalt getippt habe, zumindest als Manuskript und dieses dann nur noch glätten habe lasse.

Ansonsten hoffe ich mal, dass unsere Lena Marie bald ihre magische Wolle bekommt - nicht dass uns die Gute noch erfriert, bevor die Geschichte richtig los geht!
Alternativ könnten wir sie vielleicht nach Fidschi zu einer Fotosession schicken - beginnt auch mit "F" ist aber vermutlich deutlich wärmer als Furtwangen...
7. RE: Die magische Wolle

geschrieben von DarkO am 21.12.25 12:50

@Neuschreiber63 und alle anderen, die hier was reingeschrieben haben:
Vielen Dank für eure Kommentare. Es freut mich, dass diese Geschichte, die aus einer spontanen Idee heraus enstanden ist, so großes Interesse weckt und so viel Anerkennung erntet.

@Neuschreiber63:
Das soll jetzt auf keinen Fall in einen Wettstreit ausarten, aber ich frage mich manchmal schon, wer von den beiden Mädels wohl zuerst gefesselt sein wird, Jessie oder Lena. - Es stimmt, deine Cheerleader-Geschichte und diese meinige hier weisen schon einige Parallelen auf. Das ist aber wirklich rein zufällig. Ich habe mir halt überlegt, wer könnte sich Schal, Arm- und Beinstulpen stricken wollen? Und da sind mir eben als Erstes alte Omas und junge Studentinnen eingefallen; beide haben in der Regel viel Zeit und wenig Geld. Ich habe mich dann für die letztere Gruppe entschieden...

Nachtrag zum Thema KI:
Ich habe tatsächlich einen großen Vorteil gegenüber der KI: Ich war schon persönlich dort, also in Furtwangen, und das für mehrere Jahre.

DarkO
8. RE: Die magische Wolle

geschrieben von Gutverpackt am 21.12.25 13:06

Ich freue mich auch auf die Fortsetzung.
9. RE: Die magische Wolle

geschrieben von ChasHH am 21.12.25 14:35

Nun ja, was das Essen betrifft: es stand nirgends etwas von Fleisch. "Jäger Art" heißt nichts anderes als mit Pilzen...

Dann hoffe ich auch auf eine schöne Fortsetzung.
10. RE: Die magische Wolle

geschrieben von DarkO am 21.12.25 17:11

Zitat
Nun ja, was das Essen betrifft: es stand nirgends etwas von Fleisch. \"Jäger Art\" heißt nichts anderes als mit Pilzen...


Vielen Dank, ChasHH für diese Klarstellung. Was die Bezeichnung der Speise angeht: Dem Autor ist das bekannt, Lena wahrscheinlich auch. Vielleicht sind derartige Gerichte in ihrer Heimat auch weniger verbreitet. Weniger Wald, weniger Jäger. Wie auch immer, es ging mir in dem Absatz eher darum, das nachdenkliche Wesen der Protagonistin offenzulegen, und weniger ihre Kenntnisse betreffend der Deutschen Küche.
11. RE: Die magische Wolle

geschrieben von Neuschreiber63 am 21.12.25 20:56

Zitat
@
@Neuschreiber63:
Das soll jetzt auf keinen Fall in einen Wettstreit ausarten, aber ich frage mich manchmal schon, wer von den beiden Mädels wohl zuerst gefesselt sein wird, Jessie oder Lena.

DarkO


Ich bin mir ziemlich sicher, dass Lena den Wettstreit gewinnt (wenn man Jessies Plüschhandschellen weglässt) - im nächsten Kapitel gibt immer noch keine Bondage - ob es die Gruppe überhaupt gibt??
12. RE: Die magische Wolle

geschrieben von DarkO am 22.12.25 08:36

@Neuschreiber63: Nachdem deine Jessie in der Szene mit den Plüschhandschellen den Schlüssel dafür und demnach auch die Kontrolle darüber behalten hat, kann ich das nicht gelten lassen. Und anscheinend willst du jetzt tatsächlich doch einen Wettstreit daraus machen. Oder warum sonst rast Mary gerade mit 65 mph über den Highway?

Ich kann dir und allen anderen Lesern aber versichern: Irgendwann demnächst fängt Lena auch mit dem Stricken an.
13. RE: Die magische Wolle

geschrieben von DarkO am 22.12.25 09:25

Masche für Masche

Am Abend sitzt Lena im Bus und beobachtet eine alte Frau ein paar Reihen vor ihr. Graues, fast weißes Haar, schlichter Mantel. Auf ihrem Schoß ein Ball rote Wolle, in den Händen hält sie Strickzeug. Die Bewegungen sind ruhig, routiniert. Masche für Masche. Der Bus ruckelt, die Frau passt den Rhythmus an, ohne hinzusehen. Lena verfolgt die Bewegung eine Weile. Erst beiläufig, dann mit wachsender Aufmerksamkeit. Als der Bus anhält und kalte Luft hereinzieht, merkt sie, dass sie unbewusst die Schultern hochgezogen hat.

Lena fragt sich kurz, wie lange die Frau schon strickt. Ob sie das erst im Alter wieder aufgenommen hat oder ob es etwas ist, das sie ihr Leben lang begleitet hat. Die Vorstellung, etwas so Routiniertes zu besitzen, etwas, das auch unter wechselnden Bedingungen funktioniert, wirkt beruhigend.

Stricken erscheint ihr plötzlich nicht mehr als handwerkliche Fähigkeit, sondern als eine Form von Ordnung. Eine Abfolge klarer Schritte, die zu einem vorhersehbaren Ergebnis führen. Kein Interpretationsspielraum, keine offenen Bedeutungen. Das steht in einem merkwürdigen Kontrast zu ihrem Studium, in dem alles verhandelbar scheint und selten etwas endgültig ist. Vielleicht ist es genau das, was sie im Moment sucht.

Sie besitzt weder Wolle noch Stricknadeln. Aber sie hat früher einmal gestrickt. Gut, das liegt nun schon gut und gerne fünfzehn Jahre zurück. Und in der Grundschule hatte sie dem Fach ‚Handarbeit und Werken‘ nie besonders viel abgewinnen können. Der Grund dafür war, dass es ihrer Ansicht nach komplett unnötig war, mit acht Jahren schon stricken zu können, schließlich kauften ihr ihre Eltern alle Kleidungsstücke, die sie brauchte. Jedenfalls hatten ihr Fremdsprachen schon immer am meisten gelegen und das Anfertigen dieser komischen bunten Schildkröte war, soweit sie sich erinnerte, das letzte Mal gewesen, dass sie solche langen Nadeln in der Hand gehalten hatte. Allerdings wäre ein Schal bestimmt machbar, vielleicht auch ein Paar Armstulpen. Als ihr Blick beiläufig nach unten auf ihre Füße fällt, fügt sie der Liste im Kopf noch Beinstulpen hinzu. Alles kleine Projekte. Völlig überschaubar.

Später in ihrem Studentenzimmer sitz sie mit angezogenen Beinen an ihrem Laptop und sucht nach einem Wollgeschäft in der Nähe. Das nächstgelegene findet sie in Villingen. Keine lange Fahrt, aber weit genug, um sie bewusst zu planen. Sie notiert sich die Adresse auf dem Handy.

Es ist kein großer Entschluss. Eher eine pragmatische Idee. Aber zum ersten Mal seit ihrer Ankunft hat sie das Gefühl, der Kälte nicht nur ausgeliefert zu sein, sondern ihr etwas entgegensetzen zu können. Sie legt das Gerät beiseite und zieht die Knie noch weiter an, spürt erneut die Kälte im Raum. Der Gedanke, etwas Eigenes herzustellen, etwas, das genau für ihren Körper gedacht ist, wirkt plötzlich nicht mehr improvisiert, sondern konsequent. Masche für Masche, denkt sie, bevor sie ins Bett geht.

--Fortsetzung folgt--

DarkO
14. RE: Die magische Wolle

geschrieben von Neuschreiber63 am 22.12.25 11:00

Naja, 65 mph als "rasen" zu bezeichnen, ist wohl etwas übertrieben

Richtig ist: An Mary wird es nicht liegen, dass Jessie den Wettbewerb verliert. Der Bus nach Villingen braucht vermutlich länger. Eher daran, dass der Autor irgendwie Gefallen daran hat, Jessie in ihrer Neugierde noch ein wenig zappeln zu lassen...
15. RE: Die magische Wolle

geschrieben von DarkO am 23.12.25 08:21

Magische Wolle

Der kleine Laden liegt in einer schmalen Seitenstraße. Von außen wirkt er unscheinbar, beinahe altmodisch. Das Schaufenster ist dicht gestellt, eher funktional als einladend. Drinnen stapeln sich Regale voller Garn in allen denkbaren Farben und Stärken. Etiketten tragen Namen, die mehr versprechen, als sie erklären.

Kaum hat Lena den Laden betreten, kommt eine ältere Dame auf sie zu. Silbergraue Haare, zu einem Dutt gebunden, freundlicher Blick, routinierte Bewegungen.

„Guten Tag“, sagt sie. „Kann ich Ihnen helfen?“

Lena zögert einen Moment. „Ich würde gerne wieder stricken. Genauer gesagt: einen Schlauchschal und Stulpen. Aber ich habe das schon sehr lange nicht mehr gemacht.“

Die Verkäuferin nickt, ohne überrascht zu wirken. „Dann fangen wir am besten einfach an“, sagt sie und deutet auf ein Regal hinter sich. „Hier haben wir ein kleines Buch für Einsteiger. Die Grundlagen sind gut erklärt, mit Bildern. Schals, Mützen, einfache Kleidungsstücke.“ Sie schlägt ein paar Seiten auf, blättert ruhig. „Das reicht in der Regel völlig aus.“

Lena schaut kurz hinein. Die Abbildungen sind klar, die Schritte übersichtlich. Es wirkt machbar.

„Und wenn Sie noch keine Nadeln haben“, fügt die Verkäuferin hinzu, als hätte sie Lenas Gedanken gelesen, „hier gibt es einfache Sets in unterschiedlichen Stärken. Da sind sogar zwei Rundstricknadeln dabei. Für Schals und Stulpen reicht das völlig.“

Lena nimmt ein Set aus Metall, mittlere Stärke. Es fühlt sich kühl und glatt an. Sie legt es zu dem Buch.

Die Verkäuferin führt sie in einen anderen Gang. Hier stehen mehrere Regale dicht nebeneinander, vollgestopft mit Wolle in unterschiedlichen Farben und Texturen. „Das hier haben wir noch nicht lange im Sortiment“, sagt sie und nimmt einen Ballen aus dem Regal. „Nennt sich Magic Wool.“

Der Name ist schlicht auf das Etikett gedruckt, fast nüchtern. Die Verkäuferin erklärt, es handele sich um eine moderne Faser, temperaturadaptiv, aus verschiedenen synthetischen Komponenten. Der Hersteller sitze in China. Sie spricht sachlich, ohne besondere Betonung, als würde sie einen von vielen Artikeln vorstellen.

Lena hört nur halb zu. Sie rechnet im Kopf. Wolle ist günstiger als neue Kleidung. Wolle ist etwas, das sie selbst herstellen, formen, kontrollieren kann. Keine großen Anschaffungen, kein Risiko, zumindest keines, das sich sofort zeigt.

„Die Farben sind recht vielseitig“, sagt die Verkäuferin. „Und die Struktur ist gleichmäßig. Für einfache Projekte gut geeignet.“

Lena entscheidet sich für ein helles Grau. Unauffällig, kombinierbar, passend zu dem, was bereits in ihrem Schrank liegt.

„Wie viele Knäuel möchten Sie?“ fragt die Verkäuferin. „Für einen Schal benötigen Sie ungefähr einhundertfünfzig bis dreihundert Gramm Wolle; das wären bei dieser hier zwei bis drei Knäuel à einhundert Gramm. Dazu kommen noch zwei für die Stulpen. Unangefangene Ware können Sie bei uns jederzeit gerne zurückgeben.“

Lena überlegt kurz. „Dann nehme ich am besten gleich zehn.“

Die Verkäuferin nickt, legt die Knäuel auf den Tresen. „Wünschen Sie noch weitere Farben? Falls Sie etwas ausprobieren oder Akzente setzen möchten.“

Lena schaut erneut auf die Regale. Konkrete Akzente kann sie sich nicht vorstellen. Aber wenn sie etwas ausprobieren möchte, dann lieber mit Tönen, die sich klar voneinander unterscheiden. Und wenn sie sie nicht braucht, bringt sie sie zurück. Sie deutet auf die Ballen. „Dann bitte noch je einen in Rot, Gelb und Blau.“

An der Kasse legt die Verkäuferin alles zusammen: das Buch, die Nadeln, die Wolle. Der Betrag ist tatsächlich noch niedriger, als Lena erwartet hat.

Als sie den Laden verlässt, ist es draußen kühl. Sie zieht die Jacke enger, spürt das Gewicht der Tasche in der Hand. Es ist kein besonderer Kauf gewesen. Kein großer Entschluss. Aber sie hat das Gefühl, etwas in Bewegung gesetzt zu haben, das überschaubar ist. Etwas, das sie selbst in der Hand hält.

--Fortsetzung folgt--

DarkO
16. RE: Die magische Wolle

geschrieben von Angela. am 23.12.25 09:58

Hallo, ich bin sehr gespannt wie sich die Geschichte weiter entwickeln wird. Auf jeden Fall kommen bei mir schon Jugenderlebnisse wieder hoch. LG
17. RE: Die magische Wolle

geschrieben von Sebbl1988 am 23.12.25 22:14

Danke für die schöne Geschichte soweit, freue mich auf jeden neuen Teil und verschlinge ihn sofort!
18. RE: Die magische Wolle

geschrieben von Neuschreiber63 am 23.12.25 22:38

Tja, die Chinesen... Da war doch mal was...?
19. RE: Die magische Wolle

geschrieben von DarkO am 24.12.25 01:20

@Neuschreiber63: Hilfst du mir bitte mal? Auf was spielst du da an?

Um Vorurteilen vorzubeugen: Es ging mir lediglich darum, einen Grund darzulegen, warum es für Lena nicht so einfach sein wird, Antworten zu bekommen… Tja, um zu erfahren, wie die Frage lautet, müsst ihr hoffentlich nicht so lange warten wie die Menschen in Per Anhalter durch die Galaxis.
20. RE: Die magische Wolle

geschrieben von ChasHH am 24.12.25 06:52

Zitat
Tja, die Chinesen... Da war doch mal was...?


Wie heißt der englische Chinese, der gerne strickt? Knit Ting.
21. RE: Die magische Wolle

geschrieben von Neuschreiber63 am 24.12.25 07:10

Zitat
@Neuschreiber63: Hilfst du mir bitte mal? Auf was spielst du da an?

Um Vorurteilen vorzubeugen: Es ging mir lediglich darum, einen Grund darzulegen, warum es für Lena nicht so einfach sein wird, Antworten zu bekommen… Tja, um zu erfahren, wie die Frage lautet, müsst ihr hoffentlich nicht so lange warten wie die Menschen in Per Anhalter durch die Galaxis.



Ich wollte darauf anspielen, dass das "Fessel-Accessoir" in meiner ersten Geschichte auch aus China kam...
Es gibt auch ein Theaterstück "Warten auf Godot" - hoffentlich geht es uns nicht genauso mit der magischen Wolle...
22. RE: Die magische Wolle

geschrieben von DarkO am 24.12.25 09:05

Anfangen

Auf der Rückfahrt sitzt Lena im Bus am Fenster. Die Tasche mit der Wolle steht zwischen ihren Beinen, schwerer als erwartet. Draußen ziehen Waldstücke vorbei, dazwischen vereinzelt Häuser, deren Lichter früh angehen. Sie lehnt den Kopf an die Scheibe und schluckt mehrmals. Der Hals fühlt sich rau an, leicht gereizt. Kein richtiger Infekt, eher ein beständiges Kratzen, das sie schon seit dem Morgen begleitet.

Sie weiß, woher es kommt. Kalte Luft, wechselnde Temperaturen, zu wenig Schutz. Sie zieht den Reißverschluss ihrer Jacke höher, obwohl sie weiß, dass es wenig bringt.

In ihrer Wohnung ist es still. Sie stellt die Tasche ab, zieht die Schuhe aus und bleibt einen Moment stehen. In der kleinen Küchenzeile füllt sie den Wasserkocher, wartet, bis das Wasser erhitzt ist, und gießt sich einen Tee auf. Der Dampf steigt kurz auf, beschlägt ihre Brille. Mit der Tasse in der Hand setzt sie sich auf das Bett. Es ist der einzige Ort, an dem sie bequem arbeiten kann. Der Schreibtisch ist zu schmal, der Stuhl auf Dauer unbequem. Sie breitet den Inhalt der Tasche neben sich aus: das Buch, die Stricknadeln, die Knäuel Wolle.

Das graue Garn zwischen ihren Fingern wirkt gleichmäßig, glatt, ohne sichtbare Unregelmäßigkeiten. Sie liest die Anleitung im Buch noch einmal, obwohl sie vieles wiedererkennt. Maschen anschlagen. Nicht zu fest. Nicht zu locker. Sie braucht einen Moment, bis ihre Hände den richtigen Rhythmus finden.

Die ersten Maschen sind noch uneinheitlich. Lena zählt nach, löst wieder auf, beginnt von Neuem. Beim zweiten Versuch wird es besser. Die Bewegung beruhigt sie. Sie findet ihren Takt. Die Nadeln klacken leise, regelmäßig. Sie merkt, wie ihre Schultern sich entspannen.

Langsam wächst der Schlauchschal. Gleichmäßig, Masche für Masche, Reihe für Reihe. Die Bewegung beruhigt sie, gibt Struktur. Kein Zeitdruck. Keine Entscheidung, die über den Moment hinausgeht. Wenn sie sich verheddert, korrigiert sie es. Wenn etwas schief aussieht, löst sie es wieder auf. Es ist eine Arbeit, die Fehler erlaubt.

Nach einer Weile legt sie die Nadeln kurz beiseite und greift an ihren Hals. Die Haut fühlt sich kühl an. Sie hustet leise, trinkt einen Schluck Tee. Dann macht sie weiter.

Als sie später auf die Uhr schaut, ist mehr Zeit vergangen, als sie gedacht hätte. Der Anfang des Schals liegt ordentlich auf ihrem Schoß. Noch nicht lang genug, um ihn anzulegen, aber stabil. Greifbar.

Sie legt das Strickzeug neben sich, zieht die Decke über die Beine und lehnt sich zurück. Ihr Hals kratzt noch immer, aber der Gedanke daran ist weniger präsent. Morgen wird sie weitermachen. Wieder Masche für Masche.

--Fortsetzung folgt--

DarkO
23. RE: Die magische Wolle

geschrieben von Gutverpackt am 24.12.25 09:15

Welch anderen Ton diese Geschichte trägt. Jedes Detail auszieseliert und doch keine Weitschweifigkeit.
Ich freue mich auf den Forzgang.
24. RE: Die magische Wolle

geschrieben von DarkO am 24.12.25 09:49

Zitat
Welch anderen Ton diese Geschichte trägt. Jedes Detail auszieseliert und doch keine Weitschweifigkeit.
Ich freue mich auf den Forzgang.


Ja, ich dachte mir, das passt zur Weihnachtszeit. Mal einen Gang runterschalten, kurz innehalten, den Moment genießen. Ruhe und Entspannung.
25. RE: Die magische Wolle

geschrieben von Angela. am 24.12.25 13:41

Ja,sehr schön geschrieben. Man kann sich richtig gut vorstellen wie sie allein auf dem Bett in der kleinen Wohnung sitzt und die Nadeln klappern lässt..... LG
26. RE: Die magische Wolle

geschrieben von DarkO am 25.12.25 09:21

Andere Maßstäbe

Die Wege zur Hochschule sind zwar relativ kurz, aber meist offen. Morgens liegt oft leichter Nebel zwischen den Gebäuden, und der Wind zieht ohne Umwege zwischen ihnen hindurch. Lena geht zügig, die Schultern hochgezogen, die Hände tief in den Jackentaschen. Der Atem steht sichtbar in der Luft. Ihre Brille beschlägt leicht.

Ein paar Meter vor ihr läuft derselbe Kommilitone, mit dem sie sich neulich kurz unterhalten hat. Hoodie, Rucksack, gleichmäßiger Schritt. Sie erkennt ihn sofort, weniger an seinem Gesicht als an der Selbstverständlichkeit, mit der er sich bei Temperaturen bewegt, die ihr längst unangenehm sind. Beim ersten Zusammentreffen hatte er ihr beiläufig gesagt, dass er hier aufgewachsen sei. Schwarzwald. Andere Maßstäbe.

Sie schließt auf, mehr aus Zufall als aus Absicht.

„Schon wieder so dick eingepackt“, sagt er, ohne stehen zu bleiben.

„Schon wieder zu kalt“, entgegnet sie.

„Das sagst du auch noch im November.“

„Dann wahrscheinlich erst recht.“

Er wirft ihr einen kurzen Seitenblick zu. „Für dich ist das hier offenbar eine andere Klimazone.“

„Ich komme aus NRW“, sagt sie.

Er nickt. „Dachte ich mir. Du sprichst anders. Und du ziehst dich an, als würdest du später noch den Feldberg erklimmen wollen.

„Offenbar. Aber den Feldberg brauche ich nicht. Mir ist es hier wirklich schon kalt genug.“

„Bei mir ist das eben Gewöhnung. Und Herkunft.“

Sie gehen ein Stück nebeneinander her, ohne dass sich daraus sofort ein längeres Gespräch entwickeln müsste. Splitt knirscht unter den Schuhen, irgendwo schlägt eine Autotür zu.

„Ich bin Jonas“, sagt er dann, als wäre es nur eine Randnotiz.

„Lena.“

Kein Händeschütteln, kein formeller Ton. Die Namen bleiben einfach im Raum stehen.

„International Relations, erstes Semester, richtig?“ fragt er. „Ich glaube, ich habe dich in den Vorlesungen schon ein paarmal gesehen.“

„Stimmt.“

„Dann begegnen wir uns wohl noch öfter.“

„Offenbar.“

An der nächsten Abzweigung trennen sich ihre Wege. Kein Abschied, kein Nachsatz. Aber als Lena weitergeht, hat sie das Gefühl, zwei Dinge einsortiert zu haben. Jonas gehört hierher. Sie allerdings noch nicht.

Der Studiengang ist international, zumindest dem Anspruch nach. Unterschiedliche Akzente, unterschiedliche Selbstverständlichkeiten. Der Studienalltag nimmt schnell Form an. Seminarräume, Anwesenheitslisten, erste Texte. Lena sitzt meist weiter vorne, hört zu, schreibt mit. Manche melden sich häufig, formulieren schnell, sicher. Andere warten ab. Lena gehört zu Letzteren.

Eine Kommilitonin fällt ihr besonders auf. Dunkle Haare, offene Haltung, schnelle Wortmeldungen. Wenn sie spricht, dann ohne Zögern, präzise, mit einem leichten französischen Akzent. Lena merkt, dass sich der Raum verändert, wenn diese Stimme einsetzt. Aufmerksamkeit bündelt sich. Sie notiert sich unbewusst den Namen, als er einmal fällt: Amélie.

Zwischen den Veranstaltungen steht Lena wie so oft mit einem Becher Kaffee im Flur. Gespräche entstehen um sie herum, Pläne für Abende, für den Erstsemesterball. Sie beteiligt sich nicht sofort. Sie hört zu.

Als sie am Nachmittag den Weg zurückgeht, zieht sie die Jacke noch einmal enger. Der Wind ist kälter geworden. Ihr Hals kratzt wieder.

Der Studiengang fühlt sich überschaubar an. Die Menschen auch.

Das Klima nicht.

--Fortsetzung folgt--

DarkO
27. RE: Die magische Wolle

geschrieben von Gutverpackt am 25.12.25 09:42

Ich mag dieses sanfte hineingleiten in den Text
28. RE: Die magische Wolle

geschrieben von DarkO am 26.12.25 10:11

Nicht zufällig

Donnerstagabend nach den Vorlesungen fährt Lena mit dem Bus zurück nach Vöhrenbach. Sie möchte noch eine Weile stricken, bevor sie später auf den Erstsemesterball geht. Das Kratzen in ihrem Hals wird allmählich schlimmer. Ein Schal würde mit Sicherheit helfen.

In ihrem Zimmer angekommen legt sie ihren Rucksack auf den Schreibtischstuhl, Jacke und Schuhe zieht sie neben der Tür aus. Sie nimmt Wolle und Stricknadeln, kniet sich auf das Bett und legt die Maschen auf.

Es fällt ihr schwer, sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Zu viele Dinge beschäftigen sie. Das Studium, der bevorstehende Ball, die Kälte. Gefühlt trennt sie ebenso viel wieder auf, wie sie hinzufügt. Bereits nach wenigen Minuten legt sie das Strickzeug wieder beiseite.

Sie bereitet sich eine Kleinigkeit zu essen zu, überlegt sich währenddessen, was sie später anziehen wird.

Die Aula der Hochschule wirkt an diesem Abend größer als tagsüber. Die Stuhlreihen sind zur Seite geräumt, die hohen Fenster spiegeln nur noch Dunkelheit. Etwa einhundertfünfzig Studierende haben sich verteilt, manche in kleinen Gruppen, andere an Stehtischen. Musik läuft, laut genug, um Nähe zu erzwingen, aber nicht so laut, dass man schreien müsste.

Lena bleibt kurz im Eingangsbereich stehen. Sie trägt ein schlichtes Kleid, dazu Stiefeletten mit niedrigem Absatz und eine Strickjacke, die sie vorhin noch fast ausgezogen hätte, jetzt aber doch anbehält. Die Luft ist warm, beinahe zu warm. Ein Kontrast zu draußen, der sich schneller bemerkbar macht, als ihr lieb ist.

Links neben der Eingangstür steht eine improvisierte Theke. Zwei ältere Studierende schenken Getränke aus: Bier, Wein, Softdrinks, eine kleine Auswahl an Cocktails und Longdrinks. Lena holt sich etwas zu trinken, mehr aus Beschäftigung als aus Durst, und stellt sich an einen der Stehtische.

Sie erkennt einige Gesichter aus den Seminaren, nickt hier, lächelt dort. Gespräche bleiben oberflächlich, kreisen um Herkunft, Studienfächer, erste Eindrücke. Jonas ist nicht da. Das weiß sie, ohne danach zu suchen. Er hatte beiläufig erwähnt, dass er mit seiner Freundin einen Videoabend geplant habe.

Als Lena sich gerade fragt, ob sie noch einmal zur Theke gehen oder lieber gehen sollte, stellt sich jemand neben sie.

Eine weibliche Stimme sagt: „Du bist doch auch aus dem ersten Semester, oder? ‚International Relations and Cultural Diplomacy‘ meine ich.“

Lena dreht sich um, überrascht, einen Moment lang suchend. Dann nickt sie. „Ja. Genau. Lena.“

Die andere lächelt und reicht ihr die Hand. „Amélie. Ich hab dich schon ein paar Mal gesehen. In der Vorlesung bei Cultural Diplomacy. Du sitzt meistens ziemlich weit vorne.“

Lena spürt, wie sie leicht verlegen wird. „Stimmt. Ich dachte, das fällt niemandem auf.“

„Doch“, sagt Amélie. „Du hörst richtig zu. Das merkt man.“

Es entsteht eine kurze Pause. Lena nimmt einen Schluck, sammelt sich. Die Musik trägt Stimmen heran, Gelächter, das Klirren von Gläsern.

„Ich wollte dich eigentlich schon früher ansprechen“, sagt Lena schließlich. „In der Mensa oder so. Aber irgendwie …“

Amélie schmunzelt. „… war ich schneller?“

Lena lächelt, ehrlicher als zuvor. „Ja. Offensichtlich.“

„Dann ist ja gut“, sagt Amélie, ihr Lächeln wird ein kleines Stück breiter. „Ich mag es nicht, wenn Dinge zu lange unausgesprochen bleiben.“

Sie lehnt sich minimal näher. Nicht aufdringlich, aber eindeutig.

„Hast du Lust, nachher zu tanzen?“

„Ja“, sagt Lena ohne langes Zögern. „Sehr gern.“

In diesem Moment ist ihr klar, dass das hier kein Zufall ist. Sondern eine Entscheidung. Keine große, keine endgültige. Aber eine bewusste.

Sie bleiben noch eine Weile am Stehtisch stehen, reden über Seminare, über Sprachen, über Städte. Amélie bewegt sich mit einer Selbstverständlichkeit durch Gespräche, die Lena auffällt. Als hätte sie nie gezweifelt, ob sie hierhergehört. Lena lauscht gespannt, stellt Fragen, merkt, dass sie sich weniger zurücknimmt als sonst.

Später wird die Musik lauter, der Raum voller. Lena legt die Strickjacke ab. Die Wärme ist dicht, fast schwer. Als sie tanzen, denkt sie kurz an die Kälte draußen. Der Gedanke bleibt nicht lange.

Gegen Ende des Abends klärt sich die Heimfahrt beiläufig. Ein Kommilitone aus einem anderen Studiengang fährt noch nach Vöhrenbach. Kein Umweg, eher eine Selbstverständlichkeit. Lena bedankt sich und steigt mit ein.

Die Straße liegt ruhig im Tal. Es sind fast keine anderen Autos unterwegs. Der Himmel ist klar. Hier kann Lena so viele Sterne sehen, wie selten zuvor in ihrem Leben. Die Milchstraße hat sie das letzte Mal während ihres Urlaubs auf Korsika derart prägnant wahrgenommen.

In der Dunkelheit sind die Konturen der Hügel nur schwach zu erkennen. In wenigen der vereinzelt an den Hängen verstreut liegenden Häusern brennt noch Licht. Der Wagen folgt den langen, sanften Kurven Richtung Osten. Die Scheinwerfer erhellen den Rand der Weideflächen. Kühe liegen schlafend im Gras, kaum mehr als dunkle Umrisse. Ein paar Meter neben der Fahrbahn begleitet sie die Breg, unsichtbar, aber spürbar nah. Lena beginnt zu sinnieren: Auch dem Wasser ist es in dieser Gegend zu kalt. Es flieht. Sein Weg ist noch weit, doch irgendwann erreicht es das Schwarze Meer. Dort zeigt das Thermometer bestimmt ein paar Grad mehr an.

Sie will nicht weglaufen. Aber dem kalten Klima etwas entgegensetzen. Sie nimmt sich vor, zumindest den Schal am Freitag fertigzustellen.

Im Auto läuft leise Musik. Niemand spricht viel. Die Müdigkeit setzt sich langsam durch.

Als Lena später hinter sich die Tür zu ihrem Zimmer schließt, ist sie erschöpft, aber ungewöhnlich wach. Sie zieht sich um, legt sich aufs Bett und bleibt einen Moment liegen, ohne das Licht auszumachen.

Ihr ist kalt.

Aber sie lächelt.

--Fortsetzung folgt--

DarkO
29. RE: Die magische Wolle

geschrieben von DarkO am 27.12.25 09:40

Abgeschlossen

Freitags endet die letzte Vorlesung um dreizehn Uhr. Lena beschließt, gleich nach dem Essen in der Mensa nach Hause zu fahren und den Rest des Tages in ihrem Zimmer zu verbringen. Sie sagt niemandem ab, sie sagt niemandem zu. Der Tag war nicht anstrengend, aber dicht genug, um kein weiteres Programm zu brauchen. Draußen wird es früh dunkel, die Temperaturen fallen schneller als an den Tagen zuvor.

Sie bereitet sich wieder einen Tee in der kleinen Küchenzeile zu, diesmal einen stärkeren. Der Hals fühlt sich besser an als noch am Morgen, aber nicht ganz frei. Mit der Tasse setzt sie sich aufs Bett, zieht die Wollknäuel näher heran und nimmt die Nadeln auf.

Der graue Schlauchschal ist fast fertig. Die Maschen sind gleichmäßiger geworden, der Rand sauber. Sie arbeitet konzentriert, zählt nicht mehr mit. Die Bewegung ist selbstverständlich geworden. Die Nadeln gleiten durch die Wolle, ohne dass sie darüber nachdenken muss. Zeit verliert an Kontur. Irgendwann merkt sie, dass der Schal lang genug ist.

Sie liest im Buch nach, wie man sauber abkettet. Langsam, Schritt für Schritt. Als sie den Faden abschneidet und das Ende einarbeitet, hält sie einen Moment inne. Es ist kein feierlicher Moment, eher ein sachlicher Abschluss.

Ihr Schal ist fertig.

Sie legt die Nadeln zur Seite und nimmt das Strickstück in beide Hände. Das Material fühlt sich dicht an, schwerer, als sie erwartet hatte. Sie steht auf und zieht sich ihn über den Kopf, noch bevor sie sich umentscheiden kann.

Die Wirkung ist sofort spürbar. Nicht spektakulär, aber deutlich. Die Kälte am Hals verschwindet, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Die Wärme ist gleichmäßig, nicht drückend, nicht flüchtig. Sie atmet mehrmals ein und aus und merkt, dass sie nicht mehr husten muss.

Sie bleibt einen Moment stehen. Bewegt den Kopf leicht. Der Schal liegt dicht an, aber bequem. Sie zieht ihn zurecht. Alles sitzt. Sie genießt die Wärme, fühlt die Entlastung. Dann verändert sich etwas. Das Material wird schwerer, dichter. Sie berührt den Stoff mit ihren Fingern. Das Material fühlt sich anders an, härter, steifer.

Lena setzt sich wieder und verharrt eine Weile so, den Schal um den Hals, die Hände im Schoß. Sie denkt nicht viel dabei. Es fühlt sich richtig an, auf eine unspektakuläre Weise. Praktisch. Angemessen. Für heute hat sie genug gearbeitet. Entspannt legt sie sich auf ihr Bett und liest ein Buch.

Später, als sie das Licht löscht, lässt sie den Schlauchschal an. Nicht aus Nachlässigkeit, sondern weil es keinen Grund gibt, ihn abzunehmen.

Die Kälte bleibt draußen.

Zum ersten Mal seit Tagen schläft sie durch.

--Fortsetzung folgt--

DarkO
30. RE: Die magische Wolle

geschrieben von ChasHH am 27.12.25 09:53

Sehr schön. Könnte es sein, dass es einen Fetisch für Wolle gibt?
31. RE: Die magische Wolle

geschrieben von DarkO am 28.12.25 10:44

Freiheit

Nach dem Aufstehen zieht Lena sich an und geht einkaufen. Der Weg durch den Ort ist kurz, der Supermarkt klein. Drinnen schiebt sie den Wagen zwischen Regalen und Kühltruhen hindurch. Sie bleibt stehen, liest Zutatenlisten, vergleicht Preise, greift nach dem, was sie kennt. An der Kasse bezahlt sie, verstaut den Einkauf in ihrem Rucksack und tritt nach draußen. Vor der Tür hält sie kurz inne.

Sie braucht einen Moment, um zu verstehen, was sie irritiert. Dann wird es ihr klar: Während des gesamten Einkaufs hat sie den Schal kein einziges Mal bewusst wahrgenommen. Keine unangenehme Hitze, kein Ziehen, kein Bedürfnis, ihn zu richten. Jetzt, draußen in der kühlen Luft, merkt sie es deutlich am eigenen Körper. Der Atem bleibt ruhig, die Schultern senken sich von selbst. Die Kälte erreicht sie, aber sie greift nicht mehr so tief. Sie friert weniger. Spürbar weniger. Sie geht los.

Draußen zu sein fühlt sich anders an als sonst. Der Schal liegt fest an ihrem Hals, die Wärme an ihrem Hals ist da, gleichmäßig, verlässlich. Für einen Moment wirkt alles einfacher. Lenas Aufmerksamkeit wandert weiter. Zu den anderen Stücken. Zu den Arm- und Beinstulpen. Zu dem, was ihr noch fehlt, damit es stimmig wird.

Zuhause angekommen zieht sie ihre Schuhe aus und stellt den Wasserkocher an. Sie verstaut die Einkäufe in der kleinen Küchenzeile. Als sie ihren Tee aufbrüht, beschlägt kurz ihre Brille.

Mit der warmen Tasse in der Hand setzt sie sich auf ihr Bett. Sie greift nach dem Strickzeug und lässt die Maschen über die Nadeln gleiten. Kurzzeitig hat sie das Gefühl, dass sie ihren Kopf weniger weit senken kann, geht aber nicht näher darauf ein.

Sie macht weiter mit den Armstulpen. Die Maschen folgen einander gleichmäßig. Zwischendurch legt sie das Gestrickte prüfend um das Handgelenk. Beim ersten Versuch ist der Umfang zu eng, beim zweiten zu locker. Sie trennt auf, zählt nach, prüft erneut. Dann passt es.

Die Daumenlöcher stellen eine kleine Herausforderung dar. Lena arbeitet sorgfältiger, achtet auf die Übergänge, darauf, wo die Öffnung sitzen muss. Ein paar Maschen löst sie wieder, setzt neu an, korrigiert den Verlauf. Es dauert eine Weile, bis alles an der richtigen Stelle ist. Schließlich fügt es sich. Sie merkt, wie sie ruhiger wird, je länger sie daran arbeitet.

Dann hält Lena die fertigen Stulpen in den Händen, betrachtet sie von allen Seiten. Zufriedenheit stellt sich ein, leise, aber deutlich. Dann legt sie diese auf die Seite. Für heute reicht es.

Sie steht auf und macht sich eine Portion Ravioli warm. Sie isst langsam, ohne nebenbei etwas anderes zu tun. Der Schal liegt ruhig an ihrem Hals, wie schon den ganzen Tag. Beim Schlucken fällt ihr auf, dass sich alles unauffällig anfühlt, glatt, ohne dieses leichte Kratzen, das sie in den letzten Tagen begleitet hatte.

Nach dem Essen legt sich Lena auf ihr Bett und schlägt ihr Buch auf und beginnt zu lesen. Normalerweise schweifen ihre Gedanken schnell ab, springen zwischen Absätzen, bleiben an Nebensächlichkeiten hängen. Heute ist das anders. Als sie das Buch schließlich weglegt, ist sie erstaunt, wie weit sie gekommen ist.

Sie macht sich für die Nacht fertig und geht schlafen. Ihr Körper kommt zur Ruhe. Der Tag endet, als hätte er genau so sein sollen. Sie schläft schnell ein.


Das Erste, was Lena am Sonntagmorgen wahrnimmt, ist die Heizung: Ein leises gleichmäßiges Rauschen, hin und wieder unterbrochen von einem dumpfen Klopfen, das zeigt, dass sie arbeitet. Sie bleibt einen Moment liegen, ohne die Augen zu öffnen.

Dann steht sie auf und geht ins Bad. Dort zieht sie sich aus, dreht das Wasser auf und stellt sich in die Dusche. Die Wärme breitet sich langsam aus. Sie fährt sich mit den Händen durch die blonden Haare. Als ihre Finger dabei den Stoff an ihrem Hals streifen, hält sie inne. Offensichtlich hatte sie vergessen, den Schal abzulegen. Irgendwie amüsiert sie das.

Sie greift danach und versucht, ihn über den Kopf zu ziehen. Der Stoff bewegt sich kaum. Sie ändert die Position ihrer Hände, probiert es ein zweites Mal, langsamer, mit mehr Kraft. Auch diesmal gelingt es ihr nicht.

Lena dreht das Wasser ab. Sie steigt aus der Dusche, greift nach dem Handtuch und wickelt es sich um den Oberkörper.

Vor dem Badezimmerspiegel betrachtet sie den Schal genauer. Dabei bewegt sie den Kopf leicht hin und her. Er sieht aus wie ein gewöhnlicher gestrickter Schlauchschal. Gleichmäßig, sauber gearbeitet, nichts Auffälliges.

Langsam fährt sie mit den Fingerspitzen über das Material. Es fühlt sich anders an, als sie es erwartet hätte. Nicht weich, nicht nachgiebig. Die Oberfläche ist steifer, glatter, fast kühl. Obwohl es sich innen so angenehm anfühlt. Der Stoff gibt nicht nach, auch dort nicht, wo sie leichten Druck ausübt. Zentimeter für Zentimeter tastet sie den starren Stoff an ihrem Hals ab, sucht nach einer Unebenheit, einem Spalt, nach etwas, an dem sie ansetzen könnte. Alles fühlt sich vollkommen glatt an. Geschlossen. Sie versucht, einen Zeigefinger zwischen das starre Material und ihre Haut zu schieben. Es gelingt, aber nur weil die Haut genügend nachgibt. Ein letztes Mal rüttelt und zieht sie an dem Schal, ohne dass sie dabei irgendeinen Erfolg erkennt.

Magic Wool, denkt sie. Kann hier tatsächlich Magie dahinterstecken?

Vor ihrem inneren Auge tauchen Bilder auf: Personen in schillernden Gewändern auf einer Bühne. Dinge verschwinden, tauchen an anderer Stelle wieder auf. Ein rotes Tuch verwandelt sich plötzlich in einen Strauß Rosen. Lena schüttelt den Kopf. An Hokuspokus glaubt sie nicht. Für so etwas gibt es immer eine rationale Erklärung. Sie muss sie nur finden.

Sie verlässt das Bad, geht zurück in ihr Zimmer und greift nach der Verpackung der Wolle. Sie dreht sie in den Händen, liest die wenigen Angaben: Chinesischer Hersteller, Temperaturadaptive Materialeien. Nichts, was ihr jetzt weiterhilft.

Lena setzt sich an den Schreibtisch und klappt den Laptop auf. Während das Gerät hochfährt, lässt sie den Blick kurz durch den Raum wandern. Dann wendet sie sich dem Bildschirm zu.

Sie beginnt zu recherchieren. Über ein, zwei Umwege landet sie auf der Website eines großen chinesischen Konzerns, der sich selbst als Weltmarktführer im Bereich Nanotechnologie bezeichnet. Zertifikate, Diagramme, lange Textabschnitte. Trotz englischer Sprache bleibt vieles Fachchinesisch. Sie überfliegt das meiste, bleibt hier und da hängen, ohne dass sich zunächst etwas fügt.

Dann stößt sie auf eine Formulierung: strukturverändernde Materialien. – Lena liest den Abschnitt genauer. Die Beschreibung passt zu dem, was sie an ihrem Schal beobachtet hat. Wärme, Anpassung, Stabilität. Doch je weiter sie liest, desto klarer wird ihr, was fehlt.

Es gibt keine Hinweise darauf, wie sich der Prozess beenden oder umkehren lässt.

Am Ende der Seite findet sie eine Support-Adresse. Lena öffnet ihr Mailprogramm und beginnt zu schreiben. Höflich, sachlich, präzise. Sie beschreibt das Material, das Verhalten des Schals, bittet um Informationen zur Deaktivierung, zur Entfernung.

Als sie auf „Senden“ klickt, fühlt sich das an, als hätte sie Ordnung geschaffen.

Lena rechnet nicht damit, sofort eine Rückmeldung zu erhalten. Es ist Sonntag und der Empfänger sitzt irgendwo im weit entfernten China. Vor Montagfrüh wird ihr sicher niemand antworten. Aber jetzt weiß sie zumindest, womit sie es zu tun hat. Die Ursache des Phänomens an ihrem Hals ist kein böser Zauber, sondern etwas Technisches. Und technische Probleme sind lösbar.

Sie geht wieder ins Bad, hängt das Handtuch zurück an seinen Platz und dreht das Wasser erneut auf. Der Schal kann bleiben, wo er ist. Sie stellt sich unter die Dusche und wäscht sich, wie sonst auch.

Das Wasser läuft gleichmäßig über ihren Rücken, über die Schultern, den Nacken, über Haut und Stoff. Die Wärme breitet sich aus, löst die letzten Reste von Müdigkeit. Auch dort, wo der Stoff an ihrem Hals anliegt, fühlt sich alles sauber an, unauffällig, als gehörte es so.

Nachdem sie das Wasser abgestellt hat, fühlt sie sich erfrischt. Klarer.

In ihrem Zimmer macht sie sich einen Tee und eine Kleinigkeit zum Frühstück. Nichts Aufwendiges. Etwas, das schnell geht und satt macht. Während sie isst, wandern ihre Gedanken immer wieder zu dem, was sie herausgefunden hat – und zu dem, was offengeblieben ist. Der Schal ist nicht einfach nur fest. Er reagiert. Er verändert sich. Technisch, kontrolliert, erklärbar. Und ist vorerst nicht zu lösen.

Sie nimmt diesen Gedanken an, ohne sich dagegen zu stemmen. Sie weiß, dass sie die Dinge, die sie strickt, nach dem Anziehen eine Weile wird anbehalten müssen. Vielleicht genau so lange, bis sie eine Antwort aus China bekommt. Vielleicht sogar noch länger.

Der Gedanke fühlt sich richtig an. Wärme wiegt schwerer als alles andere.

Sie legt das Strickzeug bereit und beginnt mit den Beinstulpen. Die Maschen gleiten über die Nadeln, gleichmäßig, fast automatisch. Zwischendurch legt sie das Gestrickte prüfend um ihr Bein, tastet den Umfang ab. Beim ersten Mal ist er minimal zu eng. Sie trennt auf, misst neu, setzt wieder an. Dann passt es. Der Stoff liegt an, ohne nachzugeben. Genauso, wie sie es will.

Sie arbeitet weiter, Reihe um Reihe. Die Bewegungen greifen ineinander, die Nadeln finden ihren Weg fast von selbst. Was sie zuvor noch bewusst begleitet hat, trägt sich nun.

Als sie die fertigen Beinstulpen in den Händen hält, ist sie überrascht, wie schnell es ging. Und wie gut sie geworden sind. Die Maschen liegen gleichmäßig, der Rand ist sauber. Sie ist zufrieden, beinahe ein Bisschen stolz. Sie legt die Beinstulpen zu den Armstulpen und wirft einen Blick auf die Uhr. Es ist erst früher Nachmittag. Genau der richtige Moment, die Stulpen anzuziehen und nach draußen zu gehen.

Lena bleibt einen Moment still auf der Bettkante sitzen, atmet tief ein und wieder aus. Anschließend streift zuerst die Armstulpen über, dann die Beinstulpen. Sie stellt sich in die Mitte ihres Zimmers und bewegt Hände und Füße. Mit jeder Bewegung legt sich der Stoff enger um ihre Haut. Zunehmend verändert sich die Beweglichkeit, wird geringer, aber berechenbar. Damit hat sie gerechnet. Die Wärme bleibt, der Halt auch.

Sie zieht sich an: Unterwäsche, Pullover, Jeans – darunter die Accessoires. Schuhe, Jacke. Dann tritt sie vor die Tür.

Kühle Luft schlägt ihr entgegen, klar und offen. Sie nimmt einen tiefen Atemzug. Die Kälte ist da – aber sie bleibt an der Oberfläche, erreicht sie nicht so wie früher.

Sie geht los. Nicht hastig, nicht prüfend. Einfach vorwärts.

Zwei Stunden, vielleicht länger, ist Lena unterwegs. Sie erkundet neue Wege, folgt dem Verlauf des Tals, bleibt stehen, macht Fotos von den Weiden, von den Hängen, von dem Bach, der neben der Straße fließt. Später wird sie die Bilder an ihre Familie und ihre Freunde in NRW schicken.

Mit jeder Bewegung bestätigt sich der Zustand. Der Stoff liegt fest an. Bei jedem Schritt, bei jeder Handbewegung spürt Lena die Begrenzung: gleichmäßig, verlässlich. Ihre Bewegungen sind etwas kürzer geworden, etwas gefasster. Es fühlt sich nicht wie Einschränkung an, eher wie Führung. Etwas, das Halt gibt, Geborgenheit.

Während sie weitergeht, wird ihr klar, dass sich etwas Grundlegendes verschoben hat: Sie hastet nicht mehr nur von Ort zu Ort. Sie versucht nicht mehr, möglichst schnell wieder nach drinnen zu kommen. Sie kann sich Zeit lassen, es genießen, draußen zu sein.

Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft fühlt sie sich hier im Schwarzwald nicht mehr fremd. Nicht als eine Besucherin. Die Umgebung wirkt vertrauter. Nicht, weil sie sich verändert hätte, sondern weil sie selbst angekommen ist.

Trotz der beständigen Bewegungseinschränkungen an Händen und Füßen fühlt sie nur eine Sache:

Freiheit.

--Fortsetzung folgt--

DarkO
32. RE: Die magische Wolle

geschrieben von Fazer-Tom am 28.12.25 17:31

So langsam nimmt deine Geschichte Fahrt auf, ich bin wirklich sehr gespannt wie sich alles weiterentwickelt.

Ciao Tom
33. RE: Die magische Wolle

geschrieben von DarkO am 29.12.25 09:33

Selbstverständlich

Montagmorgen, der Wecker klingelt. Lena wird sofort wach.

Sie fühlt sich ausgeruht, klar, als hätte ihr Körper genau das bekommen, was er gebraucht hat. Kein Ziehen, keine Schwere. Nur dieses angenehme Gefühl, richtig geschlafen zu haben.

Bevor sie aufsteht, zupft sie prüfend an den Arm- und Beinstulpen. Sie sitzen fest. Unverrückbar. Genau wie erwartet.

Sie bewegt die Hände, spreizt die Finger, ballt sie wieder zur Faust. Die Bewegungen sind möglich, aber sie verlangen mehr Kraft. Bewusster, kontrollierter.

Nach dem Aufstehen geht sie in die Küche und füllt den Wasserkocher. Das Greifen fällt ihr auf, nicht als Hindernis, eher als neue Abstimmung. Der Griff des Geräts liegt sicher in der Hand, sie muss nur fester zupacken. Das Wasser rauscht, der Deckel schnappt zu.

Im Bad putzt sie sich die Zähne, wäscht die Hände, bürstet sich die Haare. Das Gefühl ist ungewohnt, vor allem beim Abspülen. Die Stulpen bleiben trocken, wie der Schal beim Duschen. Die Wolle saugt sich nicht voll, wird nicht schwer, verändert sich nicht. Lena nimmt es beiläufig zur Kenntnis.

Zurück im Zimmer gießt sie den Tee auf und zieht sich an. Als sie fertig ist, setzt sie sich mit der Tasse in der Hand einen Moment hin. Beim ersten Schluck beschlägt ihre Brille. Sie greift nach dem Geschirrtuch und wischt die Gläser sauber.

Vor dem Spiegel bindet sie ihre blonden Haare zu einem Pferdeschvanz zusammen, zieht das Band noch einmal nach, bis alles sitzt. Dann schlüpft sie in die Schuhe, greift nach der Jacke und verlässt die Wohnung.

Der Weg ist vertraut. Nichts daran verlangt Aufmerksamkeit. Lena geht zügig, gleichmäßig, ohne innezuhalten. Der Zustand vom Vortag trägt sich weiter, ohne dass sie ihn prüfen müsste.

Auf halber Strecke zwischen Haltestelle und Hochschule sieht sie ihn. Hoodie, Rucksack, gemächlicher Gang, wie immer: Jonas.

Als sie sich ihm nähert, hebt er den Blick, mustert sie einen Moment länger als sonst. Nicht aufdringlich, eher aufmerksam.

„Du siehst erstaunlich fit aus für einen Montagmorgen“, sagt er.

Lena lächelt. „Ich habe gut geschlafen.“

Jonas deutet auf ihren Schal und ihre Armstulpen. „Offensichtlich hast du aufgerüstet“, sagt er und grinst.

Sie hebt ihre Hand. „Ja. Selbst gemacht.“

Er zieht eine Augenbraue hoch. „Respekt.“

Sie gehen ein paar Schritte nebeneinander her. Splitt knirscht unter den Schuhen. Die Unterhaltung trägt nicht, sie muss es auch nicht. Der Weg ist vertraut, die Schritte gleichmäßig. Vor dem Gebäude werden sie langsamer, weil andere Studierende dazukommen, Türen aufgehen, Stimmen lauter werden. Jonas bleibt kurz stehen, nickt jemandem zu, den Lena nicht kennt, und schließt sich dann wieder ihrem Tempo an.

Im Seminarraum setzt sich Lena wie gewohnt nach vorne. Kurz darauf nimmt Jonas ein paar Stühle neben ihr Platz, den Rucksack locker zwischen den Füßen. Die Heizung läuft, die Fenster sind beschlagen. Stimmen senken sich, Stühle rücken.

Lena richtet ihre Aufmerksamkeit auf die Vorlesung. Als sie mitschreibt, merkt sie, dass ihre Hände ruhig bleiben, die Schultern entspannt, als wäre das selbstverständlich. Den Stift zu halten fühlt sich anfangs noch ungewohnt an. Sie lernt, mit der eingeschränkten Beweglichkeit umzugehen.

Am Ende des dritten Vorlesungsblocks bleibt Lena noch einen Moment sitzen, während um sie herum Stühle geschoben und Stimmen lauter werden. Sie verstaut ihre Unterlagen im Rucksack. Der Reißverschluss lässt sich schließen, braucht aber mehr Druck als sonst. Sie greift fester zu, bis es klickt. Ihr Körper hat das längst akzeptiert, bevor sie darüber nachdenkt.

Jonas geht an ihr vorbei.

„Gehst du auch in die Mensa?“ fragt sie ihn.

„Nein. Ich habe Essen daheim. Reste von gestern.“ Damit geht er aus dem Raum.

In der Mensa nimmt Lena ein Tablett, stellt einen Becher darauf, balanciert ihn einen Moment, bis alles sicher steht. Die Bewegungen sind vertraut, allerdings nicht mehr ganz automatisch.

An der Essensausgabe entscheidet sie sich für ein einfaches Gericht. Als sie das Besteck aufnimmt, merkt sie erneut den Widerstand in den Händen. Es funktioniert. Sie braucht nur einen Tick mehr Kraft, ein wenig mehr Aufmerksamkeit. Es stört sie nicht. Es ordnet sich ein.

Sie setzt sich an einen der Tische nahe am Fenster, stellt ihr Tablett ab und rückt den Stuhl zurecht. Erleichtert lässt sie die Schultern sinken, atmet aus. Der Vormittag liegt hinter ihr, der Tag ist in Gang gekommen.

Gerade als Lena nach ihrem Becher greift, fällt ein Schatten auf den Tisch.

--Fortsetzung folgt--

DarkO
34. RE: Die magische Wolle

geschrieben von DarkO am 30.12.25 09:33

Im Blick

„Du schaust schon wieder so, als würdest du innerlich mitschreiben.“

Lena sieht auf.

Amélie steht neben ihr, das Tablett locker in der Hand, als wäre es eine Selbstverständlichkeit, genau hier stehen zu bleiben. Ihr Lächeln ist ruhig, sicher, eines dieser Lächeln, die keine Einladung aussprechen, sondern eine Entscheidung darstellen.

„Tue ich das?“

Amélie setzt sich ungefragt ihr gegenüber. Sie beugt sich leicht vor, als würde sie Lena aus dem Hintergrund der Mensa herauslösen.

„Ja“, sagt Amélie. „Immer, wenn du überlegst, ob du etwas sagen sollst.“

Lena zieht eine Augenbraue hoch. Sie ist es gewohnt, beobachtet zu werden, aber selten so präzise. Es fühlt sich weniger nach Durchschauen an als nach Wahrnehmen. „Und was sagt das über mich aus?“

„Dass du denkst, bevor du redest.“ Amélie zuckt mit den Schultern. „Finde ich attraktiv.“

Die Bemerkung trifft Lena unvorbereitet. Nicht wegen ihres Inhalts, sondern wegen der Selbstverständlichkeit, mit der sie ausgesprochen wird. Sie spürt Wärme im Gesicht, greift wieder nach ihrem Becher, um eine kleine Pause herzustellen, in der sie sich sammeln kann.

Amélie schiebt sich den ersten Bissen auf die Gabel, als wäre nichts Besonderes geschehen.

Lena trinkt einen Schluck, dann nimmt auch sie ihr Besteck in die Hand.

Für einen Moment essen sie schweigend. Stimmen und Besteckklirren füllen den Raum, Gespräche ziehen vorbei. Amélie scheint das alles nur am Rand wahrzunehmen. Ihr Blick kehrt immer wieder zu Lena zurück, ruhig, aufmerksam, ohne zu verweilen.

„Ich hab übrigens über etwas nachgedacht, was mir neulich aufgefallen ist“, sagt sie dann.

Lena hebt den Kopf. Sie braucht einen Moment. Dann denkt sie an den Erstsemesterball zurück. An das Stehen am Rand, an Gespräche, die sie eher verfolgt als geführt hatte. An das Gefühl, anwesend gewesen zu sein, ohne sich in den Vordergrund zu stellen.

„Was denn?“

Amélie zuckt leicht mit den Schultern. „Wie du zuhörst. Nicht wartest, bis du dran bist, sondern wirklich bei dem bleibst, was gerade gesagt wird.“

Lena lässt den Blick kurz auf ihrem Tablett ruhen. „Das fühlt sich für mich nicht besonders an.“

„Für mich schon.“ An Amélies Tonfall erkennt Lena, dass diese Beobachtung für sie Gewicht hat.

Für einen Moment sagen beide nichts.

Lena greift wieder nach dem Besteck. Sie merkt, wie ihre Hand den Griff fester umschließt, als sie es früher getan hätte. Die Bewegung bleibt ruhig, verlangt aber mehr Aufmerksamkeit. Sie richtet den Griff nach, passt ihn an, bis es sich stimmig anfühlt. Kein Ärger, kein Innehalten – nur ein leicht veränderter Rhythmus, an den sie sich anpasst.

Amélies Blick folgt dieser Bewegung. Lena nimmt das wahr, ohne aufzusehen. Es fühlt sich nicht beobachtet an, eher begleitet.

„Trägst du die schon lange?“ fragt Amélie und deutet leicht auf Lenas Unterarme.

Lena blickt kurz hin, mehr aus Gewohnheit als aus Unsicherheit. „Seit dem Wochenende.“

„Und du hast sie beim Essen angelassen.“

Der Satz bleibt sachlich. Feststellend.

„Ja. Geht nicht anders“, sagt Lena. Sie hört selbst, wie selbstverständlich das klingt. Als wäre es keine Einschränkung, sondern einfach eine Gegebenheit.

Amélie nickt leicht. Sie sagt nichts weiter, aber ihr Blick verweilt einen Moment dort, wo der Stoff ansetzt. Nicht prüfend. Wahrnehmend. Dann wendet sie sich wieder ihrem Essen zu.

Eine Weile essen sie schweigend weiter. Die Geräusche um sie herum rücken näher: Stimmen, Schritte, das Schieben von Tabletts. Lena merkt, dass sie sich Zeit lässt. Sie isst langsamer als sonst, nicht aus Absicht, sondern weil sie keinen Grund sieht, sich zu beeilen.

„Ich gehe später noch in die Bibliothek“, sagt Amélie schließlich, fast nebenbei. „Ein paar Texte nachholen.“

Lena nickt. „Ich wollte auch noch kurz etwas lesen.“

„Dann sehen wir uns vielleicht.“ Der Satz bleibt offen, ohne Erwartung, ohne Forderung.

Amélie lächelt kurz, nimmt ihr Tablett, steht auf und tritt einen Schritt zurück vom Tisch.

Lena schaut ihr einen Moment nach, länger als nötig. Erst als Amélie im Strom der anderen Studierenden aufgeht, greift sie wieder nach ihrem Besteck. Der feste Halt an ihren Unterarmen ist noch da. Er ordnet ihre Bewegungen, ohne sie zu lenken.

Als sie sich schließlich von ihrem Stuhl erhebt, fühlt sich der Platz am Tisch nicht leer an. Eher wie ein Punkt, an dem etwas begonnen hat, das sich noch nicht benennen lässt.

--Fortsetzung folgt--

DarkO
35. RE: Die magische Wolle

geschrieben von DarkO am 31.12.25 09:23

Zwischen den Seiten

Die Bibliothek ist nicht voll, ein paar vereinzelte flüsternde Stimmen, Schritte auf Teppich. Lena schließt die Tür hinter sich, leise genug, um niemanden aufsehen zu lassen. Aus einem Regal wählt sie ein Buch aus und geht damit zu einem der Tische am Rand, wo das Licht gleichmäßig fällt. Dort legt sie ihre Tasche ab, zieht die Jacke aus und hängt sie über den Stuhl.

Sie setzt sich, legt ihre Unterlagen vor sich aus. Der Tisch ist glatt, kühl. Als sie den Rucksack öffnet, braucht der Reißverschluss wieder diesen kurzen, festen Zug. Es geht. Es geht immer.

Lena schlägt den ersten Text auf. Ihre Hände liegen ruhig auf dem Papier, die Stulpen schließen fest um ihre Unterarme. Der Stoff gibt ihr Halt, begrenzt die Bewegung, aber er stört nicht. Im Gegenteil – er zwingt sie, bewusster zu schreiben, sauberer zu lesen. Bei jedem Umblättern spürt sie den Widerstand, minimal, aber konstant. Sie passt ihre Bewegung an, ohne darüber nachzudenken. Es fühlt sich nicht nach Einschränkung an. Eher nach Führung.

Nach einigen Minuten merkt sie, dass sie liest, ohne abzuschweifen. Die Sätze bleiben bei ihr. Gedanken springen nicht voraus, verlieren sich nicht. Sie liest, macht sich Notizen, hält inne, liest weiter. Die Zeit zieht sich nicht. Sie vergeht einfach.

Ein Stuhl rückt ein paar Tische weiter. Lena schaut kurz auf.

Amélie steht zwischen den Regalen, ein Buch unter dem Arm, den Blick suchend, bis er bei Lena hängen bleibt. Sie lächelt nicht sofort. Erst, als sich ihre Blicke treffen.

Amélie kommt näher, stellt das Buch ab und zieht den Stuhl neben Lena zurück. „Ich hab mir gedacht, dass du hier sitzt.“

Lena schiebt ihre Unterlagen ein Stück zur Seite. „Ich wollte nur kurz anfangen.“

„Kurz“, wiederholt Amélie leise und setzt sich. Der Tisch ist breit genug, aber die Nähe entsteht trotzdem – leise, selbstverständlich. Sie legt das Buch vor sich ab, ohne es aufzuschlagen. „Das sagen alle, die wissen, dass sie länger bleiben.“

Lena atmet aus, fast ein Lächeln. „Ich wollte eigentlich nur einen Abschnitt lesen.“

„Und?“ Amélie sieht sie jetzt an.

Lena zuckt leicht mit den Schultern. „Jetzt bin ich hier.“

„Genau.“ Amélie zieht ihren Stuhl ein wenig näher an den Tisch. „Dann mach weiter.“

Sie sitzen nebeneinander, ohne sich auszurichten. Die Stühle stehen nah genug, dass sich ihre Unterarme fast berühren, wenn beide gleichzeitig schreiben. Lena merkt das, nicht als Berührung, eher als Präsenz. Der Raum zwischen ihnen ist klein geworden, ohne dass jemand ihn verkleinert hätte.

Eine Zeit lang sagen sie nichts. Beide lesen. Lena merkt, wie sich ihr Atem anpasst, langsamer wird. Die Präsenz neben ihr drängt sich nicht auf, sie ordnet sich ein. Wie ein weiterer Rand, an dem sie sich orientieren kann.

Die Worte bleiben bei ihr. Amélies Atem ist ruhig, gleichmäßig. Ab und zu verschiebt sie ein Blatt, macht sich eine Notiz. Die Geräusche sind leise, fast synchron. Lena passt ihren Rhythmus an, ohne es zu planen. Es fühlt sich leicht an, so zu arbeiten.

Amélies Blick wandert zu Lenas Händen. Er verweilt dort, wo die Stulpen den Übergang markieren, wo Stoff und Bewegung aufeinandertreffen. Sie sieht, wie Lena das Buch hält, wie sie umblättert, wie sie den Stift zwischen den Fingern neu positioniert, wenn der Druck nicht ganz stimmt. Die Bewegung ist ruhig, kontrolliert.

„Stört das?“ fragt Amélie leise und deutet kaum merklich auf die Armstulpen.

Lena schaut auf. „Was genau?“

Amélie deutet mit einem kaum wahrnehmbaren Nicken auf ihre Unterarme. „Dass du alles ein bisschen anders machen musst.“

Lena denkt einen Moment nach, während ihre Finger den Stift umschließen. „Nein“, sagt sie dann. „Es ist nur … anders verteilt.“

„Wie meinst du das?“

„Ich muss mich mehr darauf verlassen, dass es hält“, sagt Lena. „Dann geht es von selbst.“

Amélie nickt. Mehr passiert nicht. Keine Nachfrage, kein Kommentar. Aber etwas in ihrer Haltung verändert sich. Sie sitzt ein wenig anders, aufmerksamer. Nicht distanziert – eher ausgerichtet.

Lena spürt diese Veränderung, ohne den Kopf zu heben. In der Art, wie Amélie neben ihr sitzt. Wie nah ihre Arme am Tisch liegen, ohne sie zu berühren. Wie nichts mehr erklärt werden muss.

Sie lesen weiter. Zwischen ihnen entsteht eine eigene Ruhe. Keine Gespräche, kein Austausch von Blicken, aber ein gemeinsamer Rhythmus. Wenn eine umblättert, folgt die andere wenig später. Wenn eine innehält, hebt auch die andere den Stift. Die Nähe bleibt. Still, ruhig, ohne Anspruch. Nicht als etwas, das entsteht – sondern als etwas, das da ist.

Beiläufig merkt Lena, dass sie weiterkommt als sonst. Nicht schneller, sondern tiefer. Die Worte bleiben hängen, verbinden sich. Ihre Hände arbeiten langsam, aber sicher. Die Begrenzung an ihren Unterarmen ist da, konstant, verlässlich. Sie gibt Halt, keinen Widerstand. Irgendwann legt sie den Stift aus der Hand.

Amélie schließt ihr Buch fast gleichzeitig. „Ich bleibe noch ein Bisschen“, sagt sie leise.

„Ich auch“, antwortet Lena.

Sie sitzen nebeneinander, ohne weiter zu sprechen.

Allmählich packt Amélie ihre Unterlagen zusammen und schließt ihre Tasche. Sie legt die Hand darauf, als wolle sie den Moment festhalten. „Ich habe übrigens beschlossen“, sagt sie dann und unterbricht die Stille, „dass wir heute Abend noch Kaffee trinken gehen.“

Lena schaut sie an. „Beschlossen?“

„Ja. Du darfst zustimmen“, sagt Amélie ruhig. „Aber es ändert nichts.“

Ein leises Lachen entkommt Lena. Es überrascht sie selbst, wie leicht es kommt. „Dann stimme ich wohl zu.“

„Sehr vernünftig.“

--Fortsetzung folgt--

DarkO
36. RE: Die magische Wolle

geschrieben von ChasHH am 31.12.25 09:42

Es kristallisiert sich langsam raus, dass die Amelie recht dominant ist.
37. RE: Die magische Wolle

geschrieben von DarkO am 01.01.26 11:23

Ich wünsche allen Lesern ein frohes neues Jahr!


Ein Stück weiter

Sie gehen gemeinsam hinaus. Es regnet leicht. Lena zieht die Kapuze ihrer Jacke über den Kopf, Amélie setzt sich eine Mütze auf.

Lenas Schritte passen sich automatisch an, halten den festen Rhythmus, den sie inzwischen gewohnt ist.

Amélie geht neben ihr, ohne zu drängen, ohne vorauszugehen. Aus dem Augenwinkel beobachtet sie Lenas Gang. Sie scheint etwas zu bemerken, sagt aber nichts.

Das Café liegt in einer Seitenstraße abseits der Hauptwege. Von außen wirkt es unscheinbar, fast zufällig. Drinnen ist es warm, die Fenster beschlagen. Jacken hängen über Stuhllehnen, Stimmen überlagern sich leise. Der Geruch von Kaffee mischt sich mit dem von nassem Wollstoff, der von draußen hereingetragen wurde.

Sie legen ihre Jacken ab, setzen sich, geben ihre Bestellungen auf.

Amélie redet viel. Über Straßburg, über häufige Schulwechsel, über das Aufwachsen zwischen Sprachen und darüber, wie sich irgendwann eine davon nicht mehr fremd anfühlt. Ihre Hände begleiten die Worte, zeichnen Linien in die Luft, als müssten Gedanken sichtbar gemacht werden.

Lena hört zu. Sie stellt Fragen, kurze, gezielte. Sie merkt kaum, wie die Zeit vergeht. Nur daran, dass das Licht draußen langsam dunkler wird und die Stimmen um sie herum wechseln.

„Du bist ruhiger, als ich gedacht habe“, sagt Amélie irgendwann und lehnt sich vor. Ihre Stimme ist jetzt leiser, konzentrierter. „Aber nicht verschlossen.“

Lena überlegt einen Moment. „Und du bist direkter, als ich gedacht habe.“

Amélie grinst. „Das höre ich öfter. Stört dich das?“

„Nein.“ Lena zögert kurz, nicht aus Unsicherheit, sondern weil sie ehrlich sein will. „Es… hilft mir.“

Amélie nickt, zufrieden. „Gut. Ich mag es, wenn Dinge klar sind.“

„Ich auch“, sagt Lena.

Amélie sieht sie an. Nicht prüfend, nicht fordernd. Einfach aufmerksam. „Lena?“

„Hm?“

„Magst du Frauen?“

Die Frage kommt ohne Vorwarnung, aber auch ohne Schärfe. Lena spürt, wie sich etwas in ihr sammelt – kein Schreck, eher ein Fokus. Sie atmet ein, dann aus.

„Ja“, sagt sie. „Auch.“

„Gut.“ Amélie lächelt, als hätte sie nichts anderes erwartet. „Dann haben wir etwas gemeinsam.“

Sie trinken einen Moment schweigend.

Amélies Blick bleibt bei Lenas Händen, dort, wo sie die Tasse halten. Nicht offen, nicht prüfend. Eher so, als würde sie etwas zusammensetzen. Sie deutet mit dem Kinn auf Lenas Unterarme. „Du passt dich an, anstatt dagegen zu arbeiten.“

Lena schaut kurz auf ihre Hände. Die Stulpen liegen fest an, wie immer. „Ja. So funktioniert es besser“, antwortet sie. Keine Erklärung, lediglich eine Feststellung.

Amélie nickt langsam. Sie scheint das einzuordnen. „Und du hast dich dafür entschieden“, sagt Amélie leise. Es ist keine Frage.

„Stimmt.“

Ein kurzer Moment Stille. Kein unangenehmer. Eher einer, der Raum schafft.

Als Amélie ihre Tasse abstellt, streift ihre Hand Lenas Unterarm. Nur kurz, aber doch zu lang, um nur Zufall zu sein. Ihre Finger verweilen einen Augenblick auf dem Stoff, spüren die glatte Oberfläche, die feste Grenze darunter. Amélie zieht die Hand nicht ganz zurück. „Das gibt dir Halt“, sagt sie ruhig. Es klingt nicht nach Beobachtung, sondern nach Verständnis.

Lena spürt die Berührung deutlich. Nicht, weil sie neu ist – sondern weil sie gemeint ist. „Ja“, sagt sie nickend. „Genau das.“

Amélie sieht sie an. Nicht suchend, sondern entschieden. „Ich mag Menschen, die wissen, warum sie etwas an sich lassen.“

Lena hält ihrem Blick stand. „Ich mag es, wenn das gesehen und verstanden wird.“

Ein Lächeln huscht über ihrer ihr Gesicht. Kein Grinsen, kein Spiel. Etwas Ernstes, Warmes. „Dann“, sagt sie und lehnt sich ein Wenig vor, „sind wir uns da offenbar sehr ähnlich.“

Die Nähe bleibt. Nicht mehr zufällig, nicht mehr nur still. Etwas ist benannt worden – und gerade deshalb muss nichts weiter erklärt werden.

Amélie zieht die Hand schließlich zurück, langsam, ohne Hast. Nicht, als würde sie etwas abbrechen, eher als hätte sie sich vergewissert.

Lena behält die Hände um die Tasse gelegt. Die Wärme ist noch da, ebenso der feste Halt an ihren Unterarmen. Beides fühlt sich richtig an. Unverrückbar.

Sie sitzen einen Moment schweigend da. Kein verlegenes Schweigen, kein Zögern. Die Geräusche des Cafés rücken wieder näher: Stimmen, Schritte, das leise Klirren von Geschirr. Der Moment verliert nichts von seiner Klarheit, nur seine Schärfe.

Amélie lehnt sich zurück, mustert Lena noch einmal offen, fast prüfend – nicht das Äußere, eher die Haltung, mit der sie dasitzt. „Dann“, sagt sie ruhig, „bleiben wir wohl noch ein bisschen.“

Lena nickt. „Ja.“

Sie trinken langsam ihren Kaffee. Draußen beginnt allmählich die Abenddämmerung. Drinnen hat sich etwas verschoben, und beide wissen es. Nicht als Entscheidung, nicht als Versprechen – eher als stilles Einverständnis.

Amélies Blick bleibt bei Lenas Händen. Nicht flüchtig diesmal. Sie folgt den Bewegungen, wie Lena die Tasse abstellt, die Finger leicht versetzt, den Griff fester schließt, als wäre das längst selbstverständlich.

„Hast du die selbst gestrickt?“ fragt sie.

„Ja, hab ich.“

Amélie nickt, als hätte sie das erwartet. Sie streckt die Hand aus, zögert nicht, aber fragt mit dem Blick.

Lena hält still.

Amélies Finger gleiten über den Stoff an Lenas Unterarm, langsam, prüfend. Sie spürt nach, folgt der Kante, dort, wo das Material endet. Dann nimmt sie vorsichtig Lenas Hand, bewegt einen Finger, beugt ihn leicht.

„Die schränken deine Beweglichkeit ein“, sagt sie. Kein Urteil darin. Nur Beobachtung.

Lena schaut auf ihre Hände, bewegt leicht die Finger. Dann wendet sie ihren Blick wieder Amélie zu. „Ja, etwas.“

„Und du kannst sie nicht ausziehen“, sagt sie mehr feststellend als fragend.

„Stimmt. Das geht nicht.“

„Willst du es nur nicht“, fragt Amélie ruhig nach, „oder kannst du es tatsächlich nicht?“

„Ich kann es wirklich nicht“, sagt Lena. „Aber ich habe mich dafür entschieden.“

Amélie lässt Lenas Hand los, nicht abrupt, eher, als hätte sie genug gesehen. Ihr Blick bleibt aufmerksam. „Gefällt dir das?“

Lena denkt kurz nach. Kein Zögern, eher ein Sortieren. „Es fühlt sich im Moment so richtig an.“

Amélie hält den Blick. Einen Augenblick lang sagt sie nichts. Dann, ruhig: „Du wirkst, als wärst du gern festgehalten.“

„Ja. Offensichtlich.“ Lena lächelt. Zögernd zuerst, dann etwas freier. Ein Lächeln, das bleibt, weil es nicht mehr geprüft werden muss.

Amélie erwidert es sofort. Ruhig, warm, mit einer Selbstverständlichkeit, die nichts fordert. Ihr Blick hält Lenas einen Moment länger, als nötig wäre – nicht suchend, sondern da. Als hätte sie verstanden, was dieses „Ja“ bedeutet, und es genauso angenommen.

Sie sagen nichts mehr. Alles Wichtige ist bereits gesagt.

Die Tassen sind leer geworden. Als sie zahlen und aufstehen, ist nichts erklärt – aber alles verstanden. Die Nähe zwischen ihnen bleibt, auch ohne Berührung. Draußen ist es kühler geworden.

Sie gehen gemeinsam los – nicht, weil es verabredet ist, sondern weil es sich so ergibt. An der Bushaltestelle verabschieden sie sich.

--Fortsetzung folgt--

DarkO
38. RE: Die magische Wolle

geschrieben von DarkO am 02.01.26 10:13

Nachklang

Der Bus ist nicht voll. Lena sitzt am Fenster, die Hände locker auf dem Schoß, der Rucksack auf dem Sitzplatz neben ihr. Der Ort draußen zieht vorbei. Gespräche um sie herum bleiben bruchstückhaft, ohne Zusammenhang.

Sie denkt nicht systematisch. Eher tauchen einzelne Momente des Nachmittags auf, unvermittelt: Amélies Blick über den Tisch hinweg. Die Art, wie sie Lenas Hand gehalten hat, prüfend, ohne Besitzanspruch. Der Satz. Das „Ja“, das darauf gefolgt ist. Es fühlt sich nicht nach einer Entscheidung an, eher nach etwas, das schon länger da war und nun einen Namen bekommen hat – zumindest für sie selbst.

Der Bus hält. Lena steigt aus, zieht die Jacke enger, geht die paar Schritte zu ihrer Wohnung. Die Kühle ist da, aber sie drängt sich nicht auf. Ihr Körper weiß inzwischen, wie er sich darin bewegt.

Drinnen zieht sie Schuhe und Jacke aus, stellt den Rucksack ab. Die Wohnung empfängt sie still, vertraut. Sie geht direkt zu ihrem Schreibtisch, klappt den Laptop auf, öffnet ihr Postfach.

Eine neue Mail. Der Absender hat einen chinesischen Namen.

Der Text ist kurz, sachlich formuliert. Er bedankt sich für ihre Anfrage, verweist auf innovative Materialeigenschaften, adaptive Strukturen, sicherheitsrelevante Nutzungsszenarien. Von Deaktivierung ist die Rede, aber nur abstrakt. Von vorgesehenen Anwendungszyklen. Von weiterer Prüfung.

Kein konkreter Hinweis. Keine Anleitung. Keine Lösung.

Lena liest die Mail zweimal. Dann schließt sie das Fenster. Enttäuschung stellt sich nicht ein. Eher ein nüchternes Registrieren. So hatte sie es erwartet.

Sie zieht sich aus, langsam, ohne Eile, macht sich fertig für die Nacht. Dann legt sie sich auf ihr Bett. Die Stulpen umschließen fest ihre Arme und Beine, wie schon den ganzen Tag über. Sie hebt eine Hand, bewegt die Finger, betrachtet den Stoff im Licht der kleinen Lampe auf ihren Nachttisch. Gleichmäßig gearbeitet. Glatt. Verlässlich.

Sie stellt fest, dass es sie nicht beunruhigt, keine brauchbare Antwort zu haben. Nicht jetzt. Vielleicht später. Der Gedanke bleibt ruhig.

Mit den Fingerspitzen fährt sie sachte über den Stoff an ihrem Hals. Der Schal und die Stulpen können bleiben, wo sie sind. Nicht aus Trotz. Nicht aus Unwissen. Sondern, weil es sich im Moment richtig anfühlt.

Vor dem Einschlafen liest sie noch eine Weile in ihrem Buch. Schließlich legt sie den Roman zur Seite, löscht das Licht und schließt die Augen. Der Tag klingt in ihr nach, ohne Unruhe, ohne Drängen. Als etwas, das sich gesetzt hat.

--Fortsetzung folgt--

DarkO
39. RE: Die magische Wolle

geschrieben von Dark Fangtasia am 02.01.26 19:34

Du schreibst eine sehr schöne Geschichte.
Danke.
40. RE: Die magische Wolle

geschrieben von DarkO am 03.01.26 09:50

Richtig

Am Dienstag ist Lena bereits hellwach, noch bevor ihr Wecker klingelt. Zunächst ist sie darüber erstaunt, doch dann freut sie sich. Sie hat sehr gut geschlafen.

Nach dem Aufstehen läuft alles wie von selbst: Im Bad zurechtmachen, Haare bürsten, in saubere Klamotten schlüpfen, ein schnelles Frühstück mit einer Tasse Tee im Stehen. Schließich Schuhe und Jacke anziehen, Rucksack auf die Schultern und loslaufen zum Busbahnhof.

Im Bus sitzt sie wieder am Fenster, sieht die inzwischen gewohnte Landschaft vorüberziehen.

Der Weg von der Bushaltestelle zur Hochschule ist längst vertraut. Was für sie jedoch noch neu ist, ist die Tatsache, dass sie sich nicht mehr so beeilt, möglichst schnell wieder nach drinnen zu gelangen. Die Kühle draußen ist nach wie vor da, aber sie bestimmt nichts mehr. Sie zieht sich nicht zusammen.

Vor dem Hauptgebäude der HFU trifft sie Jonas. Als Lena sich ihm nähert, hebt er kurz die Hand zum Gruß.

„Morgen“, sagt er.

„Guten Morgen, Jonas.“

Sein Blick wandert kurz über sie, bleibt einen Moment hängen. „Und? Sind das noch immer sibirische Verhältnisse für dich?“

Lena lächelt. „Es geht inzwischen.“

Jonas zieht eine Augenbraue hoch. „Siehst du. Reine Anpassung.“ Ein Nicken, dann ist er schon weiter.

Im Seminarraum setzt sie sich wie gewohnt nach vorne. Der Raum füllt sich, Amélie sitzt ein paar Reihen weiter, schräg versetzt. Als sich ihre Blicke kurz treffen, hebt Amélie kaum merklich die Augenbrauen. Kein Lächeln, nur dieses kleine Zeichen: Ich sehe dich.

Die Geräusche im Raum ordnen sich. Stifte, Seitenrascheln, leise Stimmen. Lena schreibt mit. Ihre Hände bleiben ruhig, die Schultern locker. Ihre Gedanken bleiben beim Thema, springen nicht ab. Ab und zu schaut sie nach hinten, sieht Amélie an ihrem Tisch sitzen, ihre Haltung, selbstverständlich, präsent.

Irgendwann fällt Lena auf, dass sie nicht mehr darüber nachdenkt, wie sie hier sitzt oder wie sie sich bewegt, wie sie ihren Stift beim Schreiben festhält. Kein Nachjustieren, kein Vergleichen. Dann ist es plötzlich klar: Sie denkt nicht mehr darüber nach, wie sie hier ist. Sie ist es einfach.

Mittags in der Mensa ist es wie immer: Stimmen, Tabletts, Bewegung. Lena holt sich ihr Essen und setzt sich an einen der Tische am Rand. Sie beginnt zu essen, langsam, ohne Eile. Die Abläufe greifen, ohne dass sie sie steuern müsste.

Als sie aufblickt, steht Amélie ein paar Schritte entfernt, das Tablett locker in der Hand. Ihr Blick trifft Lenas sofort. Kein Zögern, kein Abwägen.

„Na also“, sagt sie. „Ich hatte gehofft, dich zu finden.“

„Hier bin ich“, sagt Lena.

„Offensichtlich.“ Amélie setzt sich ihr gegenüber, als wäre dieser Platz längst vorgesehen gewesen.

Sie essen eine Weile. Das Gespräch bleibt beiläufig – ein Kommentar zur letzten Vorlesung, ein kurzer Seitenblick auf den Speiseplan, nichts, das erklärt werden müsste. Trotzdem liegt etwas darunter, spürbar, aber nicht drängend.

Amélie lehnt sich leicht zurück, betrachtet Lena offen. „Du bist heute anders.“

„Wie anders?“ Lena lacht leise.

„Ruhiger, gesammelter. Als wärst du nicht mehr damit beschäftigt, dich selbst zu überprüfen.“

Lena denkt kurz nach. „Fühlt sich auch so an.“

Amélie lächelt, klein, zufrieden. „Steht dir.“

--Fortsetzung folgt--

DarkO
41. RE: Die magische Wolle

geschrieben von DarkO am 04.01.26 09:14

Halt

Nach dem Essen gehen Lena und Amélie nebeneinander über den Campus, ohne Ziel, das ausgesprochen werden müsste.

Die Mensa liegt hinter ihnen, Stimmen bleiben zurück, das Mittagslicht liegt offen auf den Wegen. Lena spürt den festen Untergrund unter den Schuhen, den gleichmäßigen Rhythmus ihrer Schritte. Alles ist ruhig. Nicht still – ruhig.

Amélie geht einen halben Schritt näher als sonst. Nicht berührend, aber spürbar. Lena merkt das sofort. Ihr Körper registriert Abstände schneller, als ihr Kopf es könnte.

Eine Weile sprechen sie nicht.

Dann sagt Amélie: „Du hast dich offenbar daran gewöhnt.“

Lena blinzelt. „Was meinst du?“

Amélie hebt kurz die Hand, als würde sie etwas in der Luft nachzeichnen. „Deine Hände, die Stulpen. Du greifst ohne Nachzudenken. Als würdest du vorher wissen, wie viel Kraft du brauchst.“

Sie setzen ihren Weg fort. Ein Fahrrad fährt vorbei, irgendwo klappt eine Tür.

„In der Mensa“, fährt Amélie fort, „hast du das Besteck nicht gewechselt. Du hast es angepasst.“

Lena denkt an die Gabel, an den Druck in den Fingern, an die Art, wie sich Bewegung jetzt anfühlt. „Ich habe nicht darüber nachgedacht.“

„Eben“, sagt Amélie leise.

Sie bleibt stehen. Lena ebenfalls, sie dreht sich zu ihr.

Amélie sieht sie offen an. Kein Lächeln. Kein Spiel. Nur Aufmerksamkeit.

„Du akzeptierst Einschränkungen“, sagt sie. „Aber nicht resigniert. Du richtest dich ein. Fast so, als würdest du sie brauchen.“

Lena spürt, wie sich etwas in ihr zusammenzieht – nicht unangenehm, eher fokussiert. Sie legt das Gewicht minimal anders auf die Füße. Der Druck an ihren Beinen ist da. Verlässlich. An ihren Armen ebenso.

„Ich friere nicht mehr“, sagt sie schließlich.

Amélie nickt langsam. „Und das ist wichtiger als Bewegungsfreiheit.“

Lena überlegt kurz. Dann: „Ja.“

Sie gehen weiter.

Der Weg führt zwischen zwei Gebäuden hindurch, der Schatten dort ist kühler, aber Lena zieht die Schultern nicht hoch. Sie merkt es erst im Nachhinein.

„Du hast dich entschieden“, sagt Amélie nach einer Weile. „Mehr als einmal.“

Lena atmet aus. „Ich habe aufgehört, ständig auszuweichen.“

Amélie sieht sie von der Seite an. Der Blick bleibt einen Moment länger. Nicht fordernd. Abwägend.

„Und trotzdem“, sagt sie, „hältst du einen Bereich offen.“

Lena bleibt stehen.

„Welchen?“

Amélie kommt einen halben Schritt näher. Ihr Blick wandert kurz über Lenas Körper, nicht wertend, eher kartierend. Dann zurück zu ihrem Gesicht.

„Du lässt dir Halt geben“, sagt sie. „Aber du lässt dich nicht ganz halten.“

Lena schluckt. Sie spürt ihren Puls, ruhig, fest. „Vielleicht“, sagt sie langsam, „weil ich nicht wusste, ob ich das wirklich sollte.“

Amélies Haltung wird weicher.

„Dabei magst du es“, sagt sie ruhig, „festgehalten zu werden.“

Die Worte liegen zwischen ihnen. Klar. Still.

Lena denkt nicht lange nach. Sie spürt ihren Körper, den Druck, die Wärme, die Art, wie alles an seinem Platz ist.

„Ja“, sagt sie. „Stimmt.“

Amélie lächelt. Kein Grinsen. Kein Triumph. Ein warmes, ruhiges Lächeln. Als hätte etwas Sinn ergeben.

Sie gehen weiter. Schulter an Schulter. Ohne Eile. Der Campus liegt offen vor ihnen, Wege verzweigen sich. Lena fühlt keinen Druck, keine Angst.

Nur dieses leise, feste Wissen: Sie ist gesehen worden. Und sie ist geblieben.

Der Weg zum Eingang der Hochschule ergibt sich von selbst. Die Gebäude rücken näher, Stimmen tauchen wieder auf, Schritte mischen sich unter ihre. Lena nimmt das alles wahr, aber es drängt sich nicht vor. Die Nähe zu Amélie ist noch da, nicht mehr ausgesprochen, aber nicht verschwunden.

Amélie passt ihr Tempo an, so fein, dass es fast nicht auffällt. Lena merkt es trotzdem.

„Wir sollten gleich rein“, sagt Amélie schließlich. „In zehn Minuten beginnt die Vorlesung.“

„Ja“, sagt Lena.

Sie überqueren den Platz vor dem Haupteingang. Studierende stehen in kleinen Gruppen, manche rauchen, andere blättern in Unterlagen. Die vertraute Unruhe eines Hochschulnachmittags. Lena fühlt sich darin nicht verloren. Eher eingebettet.

Amélies Hand streift beim Gehen kurz Lenas Unterarm. Kein Griff, kein Zögern. Nur ein Kontakt, der da ist, weil der Abstand klein ist. Lena spannt sich nicht an. Sie registriert es, lässt es stehen.

Vor der Tür halten sie einen Moment an.

Amélie sieht Lena an. Ihr Blick ist ruhig. Offen.

„Wir reden später weiter“, sagt sie.

Lena nickt. „Gerne.“

Sie gehen hinein. Der Geräuschpegel steigt, der Raum weitet sich. Treppen, Flure, Stimmen. Amélie biegt zu einem anderen Seminarraum ab, hebt kurz die Hand zum Abschied. Lena erwidert die Bewegung.

Als Lena ihren Platz im Hörsaal einnimmt, ist sie präsent. Sie setzt sich, legt ihre Unterlagen vor sich ab. Ihre Hände ruhen kurz auf dem Tisch, bevor sie den Stift aufnimmt.

Der Gedanke an Amélie ist da. Nicht fordernd, nicht ablenkend. Wie etwas, das dazugehört.

Als die Vorlesung beginnt, merkt Lena, dass sie zuhört. Wirklich zuhört.

Und dass sie genau weiß, warum.

--Fortsetzung folgt--

DarkO
42. RE: Die magische Wolle

geschrieben von ChasHH am 04.01.26 14:51

Was führt Amelie im Schilde? Sie nimmt Kontakt zu Lena auf und hält doch Distanz.
Verwirrt mich irgendwie.
43. RE: Die magische Wolle

geschrieben von DarkO am 04.01.26 15:08

Zitat
Was führt Amelie im Schilde? Sie nimmt Kontakt zu Lena auf und hält doch Distanz.
Verwirrt mich irgendwie.


Du musst dich noch ein Wenig in Geduld üben. Amélie geht eben sehr behutsam vor.
44. RE: Die magische Wolle

geschrieben von DarkO am 05.01.26 09:06

Zusammen

Nach der Vorlesung zerstreuen sich die Studierenden schnell. Gespräche bleiben an Türen hängen, Schritte entfernen sich. Lena geht nicht direkt nach draußen. Sie folgt Amélie durch den Flur, vorbei an Aushängen und Glastüren, bis sie zu einer der Sitzgruppen kommen, die etwas abseits liegen.

Zwei Sofas, ein niedriger Tisch, gedämpftes Licht. Ein Ort, an dem man bleibt, ohne es zu planen.

Sie setzen sich. Nicht gegenüber, sondern leicht versetzt. Nah genug, dass sich ihre Knie fast berühren. Lena legt die Hände in den Schoß. Ihr Körper kommt zur Ruhe, wie er es in den letzten Tagen gelernt hat.

Eine Weile sagen sie nichts.

Amélie lehnt sich zurück, betrachtet Lena von der Seite. Nicht prüfend, nicht neugierig. Eher aufmerksam, als würde sie etwas abwarten, das sich von selbst zeigt.

„Du denkst schon wieder zu viel“, sagt sie schließlich.

Lena lächelt, kaum sichtbar. „Das ist mein Markenzeichen.“

„Dann hör kurz damit auf.“

Es klingt nicht wie ein Befehl. Eher wie eine Einladung.

Amélie zieht sie einfach zu sich. Ohne Zögern, ohne Ankündigung. Der Kuss ist ruhig, sicher, selbstverständlich. Kein Suchen, kein Abtasten. Nur Nähe.

Als sie sich lösen, bleibt Lena dort, wo sie ist. Sie lehnt den Kopf an Amélies Schulter, als hätte ihr Körper diese Entscheidung längst getroffen.

„Das wollte ich schon seit dem Ball tun“, sagt Amélie.

„Warum hast du es nicht?“

Amélie lächelt schief. „Weil ich wollte, dass du bleibst. Nicht, dass du fliehst.“

Lena hebt den Kopf nur kurz, sieht sie an. Dann legt sie ihn wieder an Amélies Schulter.

„Ich bin noch da.“

„Gut.“ Amélie streicht ihr durch die Haare. „Dann bleiben wir das jetzt. Zusammen.“

Sie sitzen eine Weile so. Der Flur bleibt ruhig. Irgendwo fällt eine Tür ins Schloss, Schritte entfernen sich. Nichts drängt.

Als sie schließlich aufstehen, ist nichts entschieden. Und doch ist etwas klar.

Später fährt Lena allein nach Hause. Nicht, weil sie muss. Sondern weil sie weiß, was sie tun will. Wolle dafür hat sie noch ausreichend.

--Fortsetzung folgt--

DarkO
45. RE: Die magische Wolle

geschrieben von DarkO am 06.01.26 11:22

Geschlossen

Die Busfahrt verläuft ruhig. Draußen ziehen vertraute Strecken vorbei, Häuser, Bäume. Lena sitzt am Fenster, die Hände im Schoß, den Blick nach außen gerichtet, ohne wirklich etwas zu fixieren. Die Unterhaltung mit Amélie klingt noch nach, aber nicht als Gedanke. Eher als Haltung. Sie fühlt, dass sich etwas gesetzt hat.

Mit ihrem Handy prüft sie ihren Posteingang. Sie hat eine neue Mail bekommen, der Absender ist derselbe wie beim letzten Mal. Ihre Anfrage wurde an die zuständige Abteilung weitergeleitet. Weiter nichts. Das heißt, sie muss noch etwas länger warten. Doch das stört sie nicht.

In der Wohnung zieht sie Jacke und Schuhe aus, stellt den Rucksack ab. Die Stille ist dieselbe wie immer. Kein Kontrast, kein Bruch. Sie kocht Wasser für einen Tee.

Während das Wasser heiß wird, holt sie aus dem Regal ihre Stricksachen hervor und legt diese aufs Bett. Das kleine Buch liegt obenauf. Sie schlägt es auf, blättert kurz. Für das, was sie vorhat, gibt es tatsächlich eine Anleitung.

Lena brüht den Tee auf, setzt sich wie gewohnt mit der heißen Tasse in der Hand auf ihre Bettdecke und liest ein paar Zeilen, studiert Skizzen, Maße, Hinweise zur Konstruktion. Dann legt sie das Buch zur Seite. Sie weiß, was sie tut.

Die Wolle gleitet durch ihre Finger. Masche folgt auf Masche, gleichmäßig, sicher. Der Ablauf ist vertraut, beinahe automatisch. Sie prüft zwischendurch den Verlauf, hält das Gestrickte kurz an, korrigiert den Winkel, setzt neu an. Alles greift ineinander.

Irgendwann legt sie eine Pause ein, steht auf, macht sich etwas zu essen. Nichts Aufwendiges. Sie isst, ohne Eile, und setzt sich danach wieder hin. Draußen ist es längst dunkel geworden. Das Licht in ihrem Zimmer bleibt warm, konstant.

Auch als die Uhr anzeigt, dass es schon spät ist, strickt sie weiter. Der Gedanke ans Schlafengehen taucht auf, verschwindet wieder. Noch nicht. Nicht, bevor sie fertig ist.

Ihr ist bewusst, dass sie dieses Kleidungsstück, wenn sie es einmal angezogen hat, eine Weile wird tragen müssen. Also sorgt sie dafür, dass an den notwendigen Stellen Löcher im Stoff sind. Vorne ein langes schmales und hinten ein größeres rundes.

Das Kleidungsstück wächst. Schließt sich. Wird vollständig.

Als es schließlich fertig ist, legt sie es vor sich auf das Bett. Sie betrachtet es eine Weile. Die Form stimmt. Der Sitz wird stimmen. Trotzdem fehlt etwas.

Sie greift nach den bunten Garnen. Rot. Gelb. Blau. Mit ruhigen Stichen stickt sie ein einzelnes „A“ auf die Vorderseite. Keine Verzierung, kein Muster. Nur dieser Buchstabe, klar und sichtbar.

Dann legt sie die Jeans und ihren Slip ab.

Langsam steckt sie einen Fuß nach dem anderen in die entsprechenden Öffnungen. Sie steht auf. Stück für Stück zieht sie das wollene Kleidungsstück immer weiter nach oben. Über ihre Knie, die Oberschenkel, bis zu ihrem Bauchnabel. Sie spürt ein sanftes Kribbeln in ihrem Bauch.

Das Wollhöschen passt, ohne Nachjustieren, ohne Spielraum. Sie fühlt, wie sich das Material allmählich enger um ihre Hüften legt, wie es Halt gibt, ohne zu drücken. Alles sitzt dort, wo es soll. Geschlossen. Stabil.

Lena bleibt einen Moment stehen. Atmet. Lässt das Gefühl wirken.

Dann macht sie sich für die Nacht fertig und legt sich hin. Der Tag klingt aus, ohne Nachhall, ohne Zweifel.

Etwas ist abgeschlossen, vollständig. Und etwas anderes beginnt.

--Fortsetzung folgt--

DarkO
46. RE: Die magische Wolle

geschrieben von Neuschreiber63 am 06.01.26 15:56

"A" für Amelie?
Ob der guten Lena nicht kalt wird mit 2 Löchern im Höschen?
47. RE: Die magische Wolle

geschrieben von DarkO am 07.01.26 10:02

Kontrolle

Der Hochschultag beginnt unspektakulär. Lena ist früh da, setzt sich wie immer nach vorne. Die Bewegungen ihres Körpers sind ruhig, eingespielt. Schal, Stulpen, das Höschen – alles ist da, alles sitzt. Es gibt kleine Umwege in ihren Abläufen, minimale Anpassungen. Aber sie denkt nicht darüber nach. Sie öffnet das Buch, nimmt den Stift, schreibt. Die Dinge geschehen, weil sie geschehen.

Zwischen zwei Vorlesungen stehen sie vor dem C-Gebäude der Hochschule Furtwangen auf der kleinen Brücke, die über die Breg führt, jede einen Becher in der Hand. Der Kaffee ist heiß, der Wind kühl, aber beides bleibt im Hintergrund.

Amélie lehnt sich locker neben ihr an die Balustrade, schlägt einen Fuß über den anderen. „Und?“, fragt sie, fast beiläufig. „Warst du gestern noch fleißig?“

Lena antwortet nicht sofort. Sie hebt den Becher, nimmt einen Schluck. Dann grinst sie nur.

Amélie sieht sie einen Moment an. Das reicht.

Der Nachmittag ist frei. Amélie fährt mit ihr mit, ohne großes Absprechen.

In Lenas Wohnung zieht sie die Jacke aus, stellt sich ans Fenster, lässt den Blick kurz durch den Raum wandern.

„Zeigst du‘s mir?“, fragt sie dann.

Lena nickt. Keine Erklärung. Sie öffnet die Jeans, zieht sie ein kleines Stück nach unten. Gerade so weit, dass das bunte A sichtbar wird. Rot, Gelb, Blau. Klar platziert.

Amélie lächelt. Nicht überrascht, nicht belustigt. Eher… zufrieden. Als hätte sie genau das erwartet.

„Ein ‚A‘ für Amélie? Das ist lieb.“

Lena antwortet mit einem Lächeln.

Amélie geht ein paar Schritte auf Lena zu.

„Ich würde mir deinen neuen Slip gerne genauer ansehen. Darf ich?“

„Sicher.“ Lena zieht ihre Jeans runter bis zu den Knien.

Einen halben Meter von Lena entfernt geht Amélie in die Hocke. „Sieht toll aus. Drehst du dich bitte mal?“

Wie gewünscht dreht sich Lena langsam einmal im Kreis. „Genug gesehen?“, fragt sie dann.

„Ja. Danke. Auf die Toilette gehen kannst du damit also noch.“ Amélie erhebt sich wieder. Sie grinst. „Aber mehr ist wohl nicht drin.“

Lena zuckt mit den Schultern. „Das ist der Sinn, oder?“, erwidert sie amüsiert und zieht ihre Hose wieder hoch.

Sie stehen sich gegenüber, sagen eine Weile nichts. Dann nimmt Amélie Lenas Hände. Es ist eine beiläufige Geste, fast selbstverständlich. Ein kurzer Druck, wie man Dank oder Nähe zeigt, ohne Worte.

In diesem Moment spürt Lena es. Nicht Schmerz. Kein Ziehen. Sondern Widerstand.

Verwundert versucht sie, die Hände wieder auseinanderzubewegen. Es geht nicht.

Sie schaut hin. Die Armstulpen haften aneinander. Fest. Glatt. Als wären sie eins.

„Amélie“, sagt sie ruhig. „Meine Hände. Sie kleben irgendwie zusammen.“

Amélie blickt hin, runzelt kurz die Stirn. Ihre Finger gleiten langsam über die Armstulpen, untersuchen das Material, das Lenas Hände festhält. Ohne Zwischenraum.

Sie legt sie ihre Hände um Lenas Handgelenke und zieht sie auseinander. Ohne Mühe. Die Stulpen lösen sich sofort.

„Interessant“, sagt sie. Sie probiert es ein weiteres Mal, drückt Lenas Hände sanft aneinander. Wieder verbinden sich die Stulpen und scheinen eins zu werden.

Prüfend fährt sie erneut mit der Hand über die Wolle. Sie hebt die Augenbrauen.

„C’est chaud“, sagt sie leise.

Daraufhin trennt sie Lenas Armstulpen wieder voneinander.

Lena dreht die Arme, bewegt ihre Finger. Alles wie vorher. „Das ist neu.“

Amélie nickt langsam. „Vielleicht reagiert die Wolle auf Druck. Oder auf Nähe.“

Lena sieht ihr in die Augen. „Oder beides.“

„Und wie fühlt sich das für dich an?“

„Seltsam, aber nicht unheimlich.“

Sie setzen sich. Reden noch ein Wenig. Über das Garn, über das Gefühl, über Dinge, die sie nicht genau benennen können. Es ist kein Problem, das gelöst werden muss. Nur etwas, das jetzt da ist.

Lena lehnt sich zurück, atmet ruhig aus. Ihre Hände liegen in ihrem Schoß. Alles fühlt sich an wie zuvor. Und doch weiß sie jetzt: Das Material reagiert auf Berührung, auf das, was sie zulässt. Nicht eigenständig, nicht willkürlich – sondern nachvollziehbar. Es tut, wofür es gemacht ist. Und das fühlt sich richtig an, genau hier, genau jetzt.

Sie spürt, dass Kontrolle nicht bedeutet, alles zu bestimmen. Sondern Dinge zuzulassen.

--Fortsetzung folgt--

DarkO
48. RE: Die magische Wolle

geschrieben von DarkO am 08.01.26 09:17

Bleiben

Lena sagt es nicht sofort.

Der Gedanke ist da, klar genug, um ihn auszusprechen, aber sie lässt ihn noch einen Moment liegen. Amélie sitzt ihr gegenüber, die Jacke über der Stuhllehne, ein Bein locker über das andere geschlagen. Sie wirkt nicht wie jemand, der aufbricht. Eher wie jemand, der angekommen ist und abwartet.

„Du kannst hierbleiben, wenn du magst“, sagt Lena schließlich.

Der Satz ist ruhig, fast beiläufig. Aber er bleibt im Raum stehen.

Amélie hebt den Blick. Sie lächelt nicht sofort, sondern sieht Lena einen Moment an, als würde sie prüfen, ob sie richtig gehört hat. Dann entspannt sich etwas in ihrem Gesicht.

„Ich hatte gehofft, dass du das sagst“, antwortet sie. „Ich wollte nicht fragen.“

„Warum nicht?“

Amélie zuckt leicht mit den Schultern. „Weil Fragen manchmal Druck machen. Und ich hatte nicht das Gefühl, dass wir heute Druck brauchen.“

Lena nickt langsam. „Nein“, sagt sie. „Den brauchen wir wirklich nicht.“

Sie stehen auf, fast gleichzeitig. Schuhe landen nebeneinander an der Wand, Jacken werden auf der Stuhllehne abgelegt. Ein Bisschen schief, ein Bisschen egal. Der Raum verändert sich sofort. Nicht sichtbar, aber spürbar. Als hätte er sich ein Stück enger gezogen.

„Ich habe Hunger“, sagt Amélie und grinst. „Das sage ich lieber gleich, bevor ich später quengelig werde.“

Lena lacht leise. „Pizza?“

„Pizza geht immer.“

Sie bestellen, ohne lange zu überlegen. Während sie warten, klappt Lena den Laptop auf. Amélie setzt sich neben sie aufs Bett, zieht die Beine an und lehnt sich leicht zurück.

„Welchen Film schauen wir?“ fragt sie.

„Such du aus.“

„Mutig.“ Amélie klickt sich durch ein paar Vorschläge. „Ich verspreche nichts Anspruchsvolles.“

„Bitte nicht“, sagt Lena. „Mein Kopf ist heute… voll genug.“

Amélie schaut sie kurz an. „Aber nicht unangenehm voll, oder?“

Lena denkt einen Moment nach. „Nein. Eher… sortiert.“

„Das klingt gut.“

Der Film läuft. Stimmen, Bilder, Bewegung. Hintergrund. Die Pizza kommt, Kartons auf dem Boden, der Geruch von warmem Teig, Tomate und geschmolzenem Käse füllt den Raum. Sie essen langsam, teilen sich die Stücke, ohne zu zählen. Irgendwann liegt Amélies Knie an Lenas Bein an. Es bleibt dort.

Das Handy gibt ein leises Geräusch von sich. Eine neue Nachricht. Lena schaut hin, runzelt kurz die Stirn und liest.

„China?“ fragt Amélie.

„Ja.“ Lena atmet aus. „Sie haben geantwortet.“

„Und?“

„Es gibt ein Gerät. Irgendwas Elektronisches. Um das Material wieder… zu verändern. Nennt sich ‚Deactivator‘ und kann über den Fachhandel bestellt werden.“ Sie zuckt mit den Schultern. „Mehr steht da nicht.“

Amélie beobachtet sie aufmerksam. „Und wie fühlt sich das an?“

Lena denkt nach. „Wie eine Information. Nicht wie eine Lösung.“

„Heißt?“

„Das heißt, ich weiß jetzt, dass es eine Möglichkeit gibt.“ Sie schaltet das Telefon nicht aus, aber sie schaut auch nicht mehr hin. „Allerdings will ich gerade nichts damit tun.“

Amélie nickt langsam. „Das klingt nach einer ziemlich klaren Entscheidung.“

„Vielleicht.“ Lena lächelt schief. „Oder nach Aufschieben.“

„Manchmal ist Aufschieben auch eine Form von Klarheit.“

Der Film läuft weiter. Die Stimmen vom Bildschirm werden leiser, rücken in den Hintergrund. Amélie lehnt sich zurück, der Kopf an Lenas Schulter. Es passiert beiläufig, ohne Absprache. Lena spürt die Wärme, den Atem, das Gewicht – leicht, präsent. Bleibt.

Der Zwischenraum zwischen ihnen wird kleiner, ohne dass er verschwindet. Es ist kein Verschmelzen. Eher ein Einrücken. Zwei Körper, die beschlossen haben, sich nicht auszuweichen.

„Danke, dass ich bleiben darf“, sagt Amélie irgendwann, fast schon schläfrig.

Lena antwortet nicht sofort. Sie atmet ein, aus.

„Ich bin froh, dass du da bist“, sagt sie dann.

Später machen sie das Licht aus. Der Laptop verdunkelt sich. Sie liegen nebeneinander, nicht verschlungen, nicht distanziert. Der Zwischenraum ist kaum noch vorhanden. Sie spüren die Nähe, genießen sie schweigend.

Lena denkt an die Mail. An das Gerät. An die Möglichkeiten, die es verspricht. An Entscheidungen, die noch warten können.

Sie schaut zur Seite. Amélie schläft noch nicht. Ihre Augen sind geschlossen, aber ihr Atem ist wach.

Lena bleibt, wo sie ist.

Und es fühlt sich nicht wie Stillstand an.

--Fortsetzung folgt--

DarkO
49. RE: Die magische Wolle

geschrieben von DarkO am 09.01.26 11:28

Verschieben

Sie gehen nicht sofort in den Laden. Erst setzen sie sich auf die niedrige Mauer gegenüber, wo man den Eingang sehen kann, ohne Teil davon zu sein. Menschen kommen und gehen, Einkaufstaschen, kurze Gespräche, Alltäglichkeit.

Amélie lehnt sich mit dem Rücken an den Stein. „Willst du ihn bestellen?“

Lena schaut nicht sofort zu ihr. Ihr Blick folgt einer Frau, die mit einem Wollknäuel unter dem Arm verschwindet. „Deshalb sind wir hier, dachte ich. Bestellen heißt nicht benutzen“, sagt sie dann.

Amélie dreht den Kopf leicht, genug, um Lena anzusehen. Sie nickt. Kein Nachfragen. Kein Zweifel. „Gut.“

Sie gehen hinein.

Die Verkäuferin erkennt Lena wieder. Ein kurzes Lächeln, dann Geschäftston. Der Deactivator ist kein Ausstellungsstück, kein Verkaufsargument. Er wird genannt wie ein Ersatzteil, das man nur auf Nachfrage bekommt.

„Ich kann ihn für Sie bestellen, wenn Sie möchten“, sagt sie. „Die Lieferzeit beträgt etwa eine Woche.“

Lena nickt. Sie nennt ihren Namen, hinterlässt eine Telefonnummer. Keine weiteren Fragen. Als die Verkäuferin sich abwendet, spürt Lena etwas wie Abschluss – nicht, weil etwas endet, sondern weil etwas festgelegt ist.

Draußen sagt Amélie nichts dazu. Auch Lena nicht. Die Bestellung steht im Raum, mehr nicht.

Die Tage danach verändern sich kaum. Der Schal und die Stulpen bleiben. Das Wollhöschen ebenso. Die Bewegungen sind ruhig, fließend. Die Möglichkeit einer Umkehr liegt irgendwo außerhalb des Alltags, fast greifbar, aber noch fern. Lena denkt nicht ständig daran. Und doch ist sie da, wie ein Wissen im Hintergrund.

Als der Anruf kommt, sitzen sie gerade in der Mensa. Amélie hebt den Blick, als Lenas Handy vibriert. Lena nimmt das Gespräch an, hört zu, bedankt sich. Dann steckt sie das Gerät wieder weg.

„Er ist da“, sagt sie.

Amélie lächelt nur. „Dann sollten wir ihn abholen.“

Ein paar Stunden später stehen sie wieder im Laden. Gleicher Tresen, gleiche Regale. Die Verkäuferin verschwindet kurz nach hinten und kommt mit einem schmalen Etui zurück. Schwarz, unscheinbar.

Sie legt es auf den Tresen.

Lena sieht es an. Zögernd greift sie danach. Ihre Finger schließen sich um das Futteral, als würde sie sein Gewicht prüfen. Es ist leichter, als sie erwartet hat.

Noch bevor sie es an sich nehmen kann, bewegt sich Amélie. Ihre Hand kommt von der Seite, ruhig, ohne Hast. Vorsichtig nimmt sie das Etui aus Lenas Griff.

„Das nehme besser ich“, sagt sie. Es ist keine Forderung. Kein Test. Eine einfache Feststellung.

Lena hebt den Blick. Für einen Moment ist da nichts außer diesem kleinen Raum zwischen ihnen, dem Tresen, dem Gegenstand, der alles und nichts bedeutet.

Dann lächelt sie. Einverstanden. Klar. „Das ist eine gute Idee.“

Die Verkäuferin nennt den Preis, reicht den Beleg. Für sie ist es ein gewöhnlicher Vorgang. Für Lena ist es etwas anderes: kein Abgeben, kein Verlieren. Eher ein Verschieben.

Draußen steckt Amélie das Etui in ihre Tasche. Lena sieht zu, ohne Unruhe.

Die Möglichkeit ist da. Und die Entscheidung liegt jetzt nicht mehr bei ihr.

--Fortsetzung folgt--

DarkO
50. RE: Die magische Wolle

geschrieben von DarkO am 10.01.26 09:24

Klarheit

Der Studienalltag hat sich eingependelt. Wege, Zeiten, Gesichter – alles ist vertraut geworden. Lena bewegt sich durch die Hochschule mit einer Selbstverständlichkeit, die sie noch vor wenigen Wochen überrascht hätte. Sie denkt nicht darüber nach, wie sie eine Tür öffnet, einen Stift hält oder ein Buch aus dem Regal zieht. Ihre Bewegungen sind fließend, minimal angepasst, aber nicht gebremst. Der Körper weiß längst, was zu tun ist.

Der leichte Widerstand ist da, konstant, verlässlich. Er gehört dazu, wie der Tisch, an dem sie sitzt, oder die Stimme, die vorne spricht.

In den Seminaren sitzt sie wie gewohnt weiter vorne. Sie schreibt mit, hört zu, beteiligt sich, wenn es passt. Die Worte bleiben bei ihr. Nichts zerfasert. Wenn sie den Blick hebt, trifft sie manchmal Amélies Augen – nicht suchend, nicht prüfend. Eher beiläufig, als hätten sie sich schon verabredet.

Zwischen den Veranstaltungen trinken sie Kaffee aus Pappbechern, teilen sich kurze Kommentare, längere Pausen. Jonas taucht gelegentlich auf, bleibt stehen, macht eine trockene Bemerkung über das Wetter oder darüber, dass es „heute ja fast schon mild“ sei. Lena lächelt dann nur. Sie friert nicht. Nicht mehr.

Der Deactivator ist da. Er liegt nicht im Weg, wird nicht hervorgeholt, nicht erklärt. Er ist Teil der Situation, ohne sie zu bestimmen. Bestellen hieß nicht benutzen. Das war von Anfang an klar.


An einem Nachmittag sind sie wieder bei Lena. Die Wohnung ist still, vertraut. Die Schuhe stehen ordentlich nebeneinander, ihre Jacken hängen über der Stuhllehne. Lenas übrige Kleidung liegt sauber zusammengefaltet auf der Sitzfläche. Es gibt keinen Anlass, keinen Plan. Nur Zeit.

Lena sitzt auf dem Bett, die Füße auf dem Boden, die Hände locker im Schoß. Sie atmet gleichmäßig. Ihre Augen wandern an ihren Körper entlang nach unten. Zu den Armstulpen, dem Höschen, den Beinstulpen. Amélie steht vor ihr, den Deactivator locker in der Hand. Ihr Blick fragt nicht, er wartet.

Lena nickt kaum merklich.

Amélie legt das Gerät an eine der Armstulpen. Ihre Bewegung ist ruhig, präzise. Sie drückt den Knopf.

Ein kleines grünes Licht leuchtet auf, sonst verändert sich zunächst nichts. Dann spürt Lena, wie der Widerstand nachlässt. Langsam. Gleichmäßig. Der Stoff wird weicher, gibt nach, verliert seine Spannung. Die Stulpe fühlt sich wieder an wie gestrickte Wolle.

Lena zieht sie aus. Ihre Haut darunter ist warm. Sie bewegt die Finger, öffnet und schließt die Faust, dreht das Handgelenk. Mit dem Daumen der anderen Hand fährt sie prüfend über den Stoff. Einen Moment lang hält sie die Stulpe einfach nur fest.

Dann sagt sie: „Ich wollte sehen, wie es funktioniert. Oder, dass es funktioniert.“

„Und nun?“

Lena zuckt mit den Schultern. „Nun weiß ich es. Das reicht mir.“ Sie zieht die Stulpe wieder an. Gelassen, ruhig. Der Stoff legt sich erneut an ihren Arm, schließt sich, wird steif.

Sie streckt Amélie beide Hände entgegen. „So gefällt es mir besser.“

Amélie sieht sie an. Lange genug, um sicher zu sein. Dann nickt sie. „Mir auch.“ Sie verstaut den Deactivator in dem Etui.

Für eine Weile schauen sie sich schweigend an. Es gibt nichts, das noch entschieden werden müsste.

Amélie kniet sich vor Lena auf den Boden. Behutsam greift sie Lenas linke und rechte Hand, bewegt sie hinter deren Rücken, Stück für Stück immer weiter zusammen, bis sie sich schließlich berühren und aneinander haftenbleiben.

Lena wehrt sich nicht. Sie beugt sich nach vorne.

Es folgt ein langer Kuss.

Dann schiebt Amélie Lena ein Stück von sich weg. Sie steht auf.

„Ich habe eine Idee. Leg dich mal auf den Bauch.“

Es war eher ein Vorschlag, weniger ein Kommando.

Lena hebt ihre Beine über die Bettkante, rollt in die Mitte des Bettes. Sie dreht den Kopf zur Seite. Neugierig blickt sie ihre Freundin an.

Die nimmt Lenas linken Unterschenkel, zieht behutsam an den Armen, drückt die Beinstulpe gegen die fixierten Hände, bis sie sich die Wolle verbindet. Anschließend macht sie das gleiche mit dem rechten Bein, das Lena bereits angewinkelt hat.

Lena testet, in welchem Maß sie sich noch bewegen kann.

Amélie schaut ihr dabei zu. „Wie ist das für dich?“

„Ungewohnt. Fühlt sich aber gut an.“ Sie lächelt. „Und was jetzt?“

Amélie erwidert das Lächeln, setzt sich neben sie. „Jetzt…“ sagt sie sanft, während ihre Hand beginnt, langsam über Lenas gefesselten Körper zu streichen, „wird nicht mehr gesprochen.“

--ENDE--

DarkO
51. RE: Die magische Wolle

geschrieben von Gutverpackt am 10.01.26 10:49

Dankeschön, DarkO, für diese sanfte und wunderbare Erzählung. Ich habe die ausgestrahlte Ruhe genossen.
52. RE: Die magische Wolle

geschrieben von Neuschreiber63 am 10.01.26 10:49

Wie - Ende?

Jetzt kann die Geschichte doch erst los gehen...
Die beiden - oder die drei - könnten noch so viel zusammen mit ihrer Wolle erleben...

Allerdings wissen wir natütrlich - die besten Geschichten sind im Kopfkino...

Auf jeden Fall vielen Dank für diese Geschichte!


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