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| DrSimon |
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Die Erbschaft
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Datum:02.03.26 13:35 IP: gespeichert
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**Kapitel 1: Die unerwartete Nachricht**
Anna und Lukas waren das, was man ein perfektes junges Ehepaar nannte. Sie hatten sich vor sechs Jahren auf einer Uni-Party kennengelernt – sie, die quirlige Literaturstudentin mit den langen, kastanienbraunen Locken und den smaragdgrünen Augen, die immer ein wenig zu neugierig in die Welt blickten; er, der ruhige Informatik-Student mit dem kantigen Kinn und dem warmen Lachen, das selbst die stressigsten Tage erhellte. Jetzt, mit 28 und 30 Jahren, lebten sie in einer kleinen, aber gemütlichen Altbauwohnung in Berlin-Mitte. Lukas arbeitete als Software-Entwickler in einem mittelständischen Tech-Unternehmen, wo er täglich bis spätabends Codes schrieb und Systeme optimierte. Anna war Grundschullehrerin, liebte ihre kleinen Schüler mit der gleichen Leidenschaft, mit der sie Lukas liebte – wild, zärtlich und manchmal ein bisschen verrückt.
Ihre Ehe war wie ein gut geölter Motor: stabil, leidenschaftlich und voller kleiner Abenteuer. An den Wochenenden kochten sie zusammen, fuhren mit dem Fahrrad durch den Tiergarten oder kuschelten sich auf dem Sofa unter einer Decke, während draußen der Regen gegen die Scheiben prasselte. Sex war für sie kein Tabu, sondern ein Fest – spielerisch, zärtlich, manchmal ein wenig experimentierfreudig. Lukas liebte es, wenn Anna die Kontrolle übernahm, und sie genoss es, sich ihm hinzugeben. Doch tief in Annas Innerem schlummerte eine Neugier, die sie selbst kaum verstand: eine Sehnsucht nach dem Unbekannten, nach Grenzen, die man vorsichtig überschritt. Sie hatte es nie laut ausgesprochen, aber in manchen Nächten, wenn Lukas schlief, scrollte sie heimlich durch Foren und Geschichten, die von verborgenen Räumen, glänzendem Latex und süßer Unterwerfung erzählten. Es blieb ein Geheimnis. Vorläufig.
An einem grauen Freitagnachmittag im Oktober änderte sich alles.
Lukas kam früher als sonst nach Hause, die Post unter dem Arm. Er roch noch nach dem Büro – nach Kaffee und frischem Aftershave – und küsste Anna zur Begrüßung lang und innig auf den Mund, während sie in der Küche stand und Pasta sauce umrührte.
„Du glaubst nicht, was heute im Briefkasten war“, sagte er mit einem schiefen Grinsen und wedelte mit einem dicken, cremefarbenen Umschlag. Das Siegel darauf war altmodisch, fast aristokratisch: ein verschnörkeltes Wappen mit einem Raben und einem Turm.
Anna wischte sich die Hände an einem Geschirrtuch ab und nahm den Brief. „Von wem ist der denn?“
„Von einem Notar. Dr. Heinrich von Waldenfels. Und rate mal, worum es geht.“ Lukas zog sie an der Hüfte zu sich heran, seine Hände warm auf ihrer Taille. „Eine Erbschaft. Von meinem Onkel Friedrich. Den ich nicht mal kannte.“
Anna blinzelte. „Onkel Friedrich? Der Name sagt mir gar nichts.“
„Mir auch nicht wirklich. Papa hat mal erwähnt, dass er ein schwarzes Schaf der Familie war. Reiste durch Europa, sammelte Antiquitäten, lebte wie ein Einsiedler. Ist vor drei Monaten gestorben, irgendwo in den Bergen. Und jetzt… bin ich der einzige lebende Verwandte.“ Lukas lachte leise, ein bisschen ungläubig. „Der Notar schreibt, wir sollen nächste Woche zu ihm kommen. In sein Büro in der Innenstadt. ‚Persönlich und vertraulich‘, steht da. Keine Details. Nur, dass es um ein beträchtliches Erbe geht.“
Anna spürte ein Kribbeln im Bauch. Nicht nur wegen des Geldes – sie hatten immer gut gelebt, aber ein bisschen mehr Luft zum Atmen wäre schön gewesen. Nein, es war die Mystik. Ein unbekannter Onkel. Ein Testament. Ein Geheimnis. Ihre grünen Augen leuchteten auf, als sie den Brief zurückgab.
„Stell dir vor, Lukas… vielleicht ein altes Haus. Oder eine Wohnung in Paris. Oder… ach, ich weiß nicht. Wir könnten endlich mal richtig reisen. Ich nehme mir Urlaub, und wir machen eine richtige Erkundungstour.“
Lukas zog sie fester an sich, seine Lippen streiften ihr Ohr. „Oder wir bekommen genug Geld, dass ich kündigen kann und wir einfach nur… zusammen sind. Kein Wecker mehr. Nur du und ich und das, was wir wollen.“
Sie küssten sich wieder, tiefer diesmal. Die Pasta köchelte leise vor sich hin, während draußen der Herbstwind an den Fenstern rüttelte. In diesem Moment fühlten sie sich unbesiegbar. Jung, verliebt, bereit für das nächste Kapitel ihres Lebens.
„Nächste Woche Mittwoch, 14 Uhr“, murmelte Lukas zwischen zwei Küssen. „Und danach… feiern wir. Egal, was es ist.“
Anna lächelte an seinen Lippen. Sie ahnte nicht, dass dieses Erbe kein Geld bringen würde. Kein Apartment in der Stadt. Sondern etwas viel Älteres. Etwas Dunkleres. Etwas, das ihre tiefsten, verborgensten Sehnsüchte wecken und sie gleichzeitig in Ketten legen würde – Ketten aus glänzendem, unzerstörbarem Latex.
Doch das war noch fern. In diesem Augenblick gab es nur sie beide, den Duft von Tomatensauce und die prickelnde Vorfreude auf ein Abenteuer, das ihr ganzes Leben verändern sollte.
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RE: Die Erbschaft
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Datum:02.03.26 15:40 IP: gespeichert
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Eine Erbschaft klingt immer gut ..... Und spannend ich freue mich auf den nächsten Teil
Gruß mpwh66
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| DrSimon |
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RE: Die Erbschaft
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Datum:02.03.26 20:36 IP: gespeichert
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Kapitel 2: Das Testament des Unbekannten
Der Mittwoch war einer dieser typischen Berliner Herbsttage – grau, nass, mit einem Wind, der einem die Kälte direkt unter die Jacke blies. Anna hatte sich extra freigenommen. Sie trug ein schlichtes, aber elegantes dunkelgrünes Kleid, das ihre Figur betonte, ohne aufdringlich zu wirken, und dazu kniehohe Stiefel, die bei jedem Schritt leise klackerten. Lukas hatte sich in ein weißes Hemd und einen dunklen Anzug gezwängt, den er sonst nur zu Hochzeiten und Beerdigungen trug. Er sah aus wie ein Mann, der versuchte, seriös zu wirken, obwohl seine Haare immer noch ein wenig zerzaust waren, als hätte er sie gerade erst mit den Fingern durchkämmt.
Sie nahmen die U-Bahn bis zum Gendarmenmarkt und gingen die letzten Meter zu Fuß. Das Notarbüro von Dr. Heinrich von Waldenfels lag in einem prachtvollen, aber leicht verwitterten Gründerzeitgebäude. Die schwere Holztür knarrte, als Lukas sie aufhielt. Im Inneren roch es nach altem Leder, Bohnerwachs und einer Spur von Zigarrenrauch – als hätte die Zeit hier vor hundert Jahren stehen geblieben. Eine ältere Sekretärin mit strengem Dutt führte sie in ein Wartezimmer mit hohen Decken und schweren Samtvorhängen.
Anna spürte Lukas’ Hand in ihrer. Seine Finger waren warm, beruhigend. „Bist du aufgeregt?“, flüsterte er ihr zu, während sie auf den lederbezogenen Sesseln saßen.
„Ein bisschen“, gestand sie und drückte seine Hand fester. „Stell dir vor, wenn es wirklich ein Vermögen ist. Wir könnten… keine Ahnung… ein Haus kaufen. Oder einfach mal ein Jahr reisen. Nur du und ich.“
Lukas grinste schief. „Oder ich kündige endlich und programmiere nur noch das, worauf ich Lust habe. Und du schreibst dein Buch. Das, von dem du immer träumst.“
Sie lächelten sich an, und für einen kurzen Moment vergaßen sie den Grund ihres Kommens. Dann öffnete sich die Tür.
„Herr und Frau Berger? Dr. von Waldenfels erwartet Sie.“
Der Notar war genau so, wie man ihn sich vorstellte: Ende sechzig, silbergraues Haar, tadellos sitzender Dreiteiler, eine goldene Taschenuhrkette über der Weste. Seine Augen hinter der randlosen Brille waren scharf und ein wenig müde, als hätte er schon zu viele Geheimnisse gehört. Er begrüßte sie mit einem festen Händedruck und bat sie in sein holzgetäfeltes Büro. Auf dem massiven Schreibtisch lag nur ein einzelner, dicker Umschlag mit rotem Siegel – und ein Laptop, der seltsam fehl am Platz wirkte.
„Nehmen Sie Platz“, sagte er mit tiefer, ruhiger Stimme. „Ich nehme an, Sie haben viele Fragen. Ich werde versuchen, sie alle zu beantworten.“
Er brach das Siegel, zog ein mehrseitiges Dokument heraus und setzte eine Lesebrille auf. Die nächsten Minuten vergingen in feierlichem Schweigen, während er die Formalitäten verlas: Friedrich von Berger, ledig, kinderlos, verstorben am 12. Juli in seinem Anwesen in den österreichischen Alpen. Alleiniger Erbe: sein Neffe Lukas Berger.
Dann kam der Satz, der alles veränderte.
„Finanzielle Vermögenswerte sind leider keine vorhanden. Ihr Onkel hat sein gesamtes Barvermögen in den letzten Jahren für den Erhalt und die Modernisierung seines Anwesens ausgegeben. Was er Ihnen hinterlässt, ist… das Anwesen selbst.“
Lukas blinzelte. „Ein Haus?“
Dr. von Waldenfels lächelte zum ersten Mal – ein schmales, fast mitleidiges Lächeln. „Kein Haus, Herr Berger. Ein Schloss. Schloss Schattenstein. Erbaut 1784, gelegen in einem abgelegenen Tal der Hohen Tauern, etwa drei Autostunden südlich von Salzburg. Vollständig ausgestattet, inklusive eines hochmodernen zentralen Steuerungssystems, das Ihr Onkel vor fünf Jahren hat einbauen lassen. Touchscreens in fast jedem Raum. Heizung, Beleuchtung, Sicherheit, sogar die Wasser- und Stromversorgung – alles digital vernetzt.“
Anna spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Ein Schloss. Kein langweiliges Reihenhaus, kein Apartment – ein echtes Schloss. Bilder von Türmen, langen Gängen, verborgenen Kammern schossen durch ihren Kopf. Ihre Finger krallten sich unwillkürlich in Lukas’ Hand.
„Aber… wie viel ist das wert?“, fragte Lukas pragmatisch. „Können wir es verkaufen?“
Der Notar lehnte sich zurück. „Theoretisch ja. Allerdings gibt es Auflagen. Ihr Onkel hat in seinem Testament verfügt, dass das Schloss mindestens zwei Jahre lang nicht verkauft oder vermietet werden darf. Er wollte, dass der neue Eigentümer… es zuerst kennenlernt. Persönlich. Er schrieb wörtlich: ‚Wer es erbt, soll spüren, was es bedeutet, Herr über Schattenstein zu sein.‘“
Er schob zwei Schlüssel über den Tisch – einen alten, schweren Eisenschlüssel und einen modernen, elektronischen Chip. Dazu einen dicken Ordner mit Bedienungsanleitungen, Grundrissen und Zugangscodes für das Computersystem.
„Die Immobilie ist schuldenfrei. Strom und Wasser laufen über ein eigenes kleines Wasserkraftwerk im Berg. Es gibt sogar eine Satelliten-Internetverbindung. Aber es liegt wirklich sehr abgelegen. Keine Nachbarn im Umkreis von zwölf Kilometern. Die nächste Ortschaft ist ein kleines Dorf namens Dunkelbach, zwanzig Minuten mit dem Auto.“
Anna konnte kaum stillsitzen. Sie fühlte ein Prickeln im Nacken, eine Mischung aus Enttäuschung – kein Geld – und wilder, fast kindlicher Aufregung. Ein Schloss. Ein echtes, altes Schloss. Mit Geheimnissen. Mit Geschichte. Mit… Möglichkeiten.
Lukas atmete tief durch. „Wir… wir müssen es uns ansehen. Sofort.“
Der Notar nickte. „Das würde ich Ihnen auch raten. Der Schlüssel für die Haupttür ist der alte. Der Chip aktiviert das System. Und noch etwas.“ Er machte eine kleine Pause, als würde er nach den richtigen Worten suchen. „Ihr Onkel war… ein sehr privater Mensch. Mit sehr speziellen Vorlieben. Manches im Schloss mag Sie überraschen. Aber alles, was dort ist, gehört jetzt Ihnen. Ohne Ausnahme.“
Anna und Lukas wechselten einen Blick. In seinen Augen sah sie dieselbe Mischung aus Neugier und leiser Unruhe, die auch in ihr brodelte.
Als sie eine halbe Stunde später wieder auf der Straße standen, regnete es stärker. Lukas zog Anna unter das Vordach und küsste sie plötzlich – hart, hungrig, als hätte die Nachricht etwas in ihm geweckt.
„Ein Schloss, Anna“, murmelte er an ihren Lippen. „Ein verdammtes Schloss. Nur für uns.“
Sie lachte leise, atemlos. „Und ich habe mir nächsten Freitag schon Urlaub genommen. Das ganze Wochenende. Du musst zwar Montag zurück… aber bis dahin…“
Ihre grünen Augen leuchteten. „…gehört uns das ganze Schloss.“
Lukas’ Hand glitt tiefer, drückte sie an sich. „Dann lass uns packen. Morgen früh fahren wir los. Ich will sehen, was Onkel Friedrich uns wirklich hinterlassen hat.“
Während sie durch den Regen nach Hause liefen, eng aneinander geschmiegt, spürte Anna tief in sich etwas Neues erwachen. Eine dunkle, süße Vorfreude. Sie wusste noch nicht, dass dieses Schloss nicht nur Mauern und Türme hatte. Dass es Räume gab, die nur darauf warteten, betreten zu werden. Und dass einer davon sie für immer verändern würde.
Aber das würde sie erst in ein paar Tagen erfahren.
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KG-Träger
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RE: Die Erbschaft
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Datum:02.03.26 20:43 IP: gespeichert
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Na dann sind wir mal gespannt, was dort auf die beiden wartet.
Bestimmt auch etwas in Sachen Fetisch.
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| DrSimon |
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RE: Die Erbschaft
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Datum:02.03.26 21:05 IP: gespeichert
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Kapitel 3: Die Straße ins Dunkel
Der Wecker klingelte um halb fünf. Anna schlug die Augen auf, noch bevor Lukas sich rühren konnte. Ihr Herz pochte bereits, als hätte es die ganze Nacht nicht aufgehört. Sie drehte sich zu ihm um, strich mit den Fingern über seine nackte Brust und flüsterte: „Aufwachen, Schlossherr. Unser Abenteuer wartet.“
Lukas zog sie mit einem verschlafenen Knurren an sich, küsste sie tief und hungrig, seine Hände glitten unter ihr dünnes Schlafshirt. Für einen Moment vergaßen sie alles – das Auto, die Koffer, die lange Fahrt. Nur seine Lippen auf ihrem Hals, ihre Beine, die sich um seine Hüften schlangen. Doch dann lachte Anna leise und schob ihn weg.
„Später. Im Schloss. In unserem Schloss.“
Sie frühstückten hastig – Kaffee aus der Thermoskanne, Brötchen vom Vortag – und luden das Auto. Zwei große Reisetaschen, eine Kiste mit Wein, Kerzen und Annas Lieblingsbuch. Lukas hatte seinen Laptop dabei, weil er Montag früh wieder im Büro sein musste. Anna hatte sich das ganze Wochenende freigenommen. Drei volle Tage nur sie beide. Und ein Schloss.
Um sechs Uhr rollten sie aus Berlin hinaus. Der Himmel war noch nachtschwarz, die Stadtlichter spiegelten sich in den Pfützen. Lukas fuhr zuerst. Anna saß auf dem Beifahrersitz, die Beine hochgezogen, die Hand auf seinem Oberschenkel. Die ersten Stunden vergingen mit Musik, mit Lachen, mit Plänen.
„Stell dir vor“, sagte sie und schaute aus dem Fenster, während die Autobahn an ihnen vorbeiflog, „wir wachen morgens auf und schauen aus einem Turmfenster über die Berge. Kein Wecker. Kein Nachbar, der den Rasen mäht. Nur wir.“
Lukas grinste. „Und abends… machen wir uns das zentrale System zunutze. Licht dimmen, Musik an, vielleicht sogar die Heizung in jedem Raum einzeln regeln. Onkel Friedrich war wohl ein Technik-Freak.“
„Oder ein Kontroll-Freak“, murmelte Anna und biss sich auf die Unterlippe. Der Gedanke ließ etwas in ihrem Bauch flattern. Kontrolle. Über ein ganzes Schloss. Über… alles.
Die Landschaft veränderte sich langsam. Flaches Brandenburg wich Hügeln, dann richtigen Bergen. Bei Nürnberg übernahmen sie den ersten Kaffee-Stopp. Anna setzte sich ans Steuer. Lukas döste, die Hand locker auf ihrem Knie. Sie fuhr schneller als erlaubt, als könnte sie es nicht erwarten, dass das Schloss endlich real wurde.
Hinter München wurde es ernst. Die Alpen ragten auf wie eine Wand aus Stein und Wolken. Die Straße wurde enger, kurviger. Tannenwälder schlossen sich um sie. Der Nebel kroch aus den Tälern. Anna spürte, wie die Zivilisation zurückblieb. Keine Tankstellen mehr, keine Werbetafeln. Nur noch Schilder mit Ortsnamen, die immer fremder klangen: Mittersill, Krimml, dann irgendwann nur noch „Dunkelbach 18 km“.
„Hier ist es wirklich am Arsch der Welt“, murmelte Lukas, als er wieder wach war. Er starrte auf das Navi. „Noch zwölf Kilometer. Und dann… nichts mehr.“
Der letzte Abschnitt war eine schmale, unbeleuchtete Bergstraße. Links ging es steil bergab in ein Tal, rechts stieg der Fels senkrecht auf. Die Sonne war schon hinter den Gipfeln verschwunden, als sie endlich das kleine Schild sahen: „Schloss Schattenstein – Privatweg“. Kein Tor. Nur zwei steinerne Säulen, halb überwuchert von Efeu, und eine schmale Asphaltspur, die sich in den Wald bohrte.
Anna hielt an. Sie stiegen beide aus. Die Luft war eiskalt, roch nach Harz und feuchtem Moos. Irgendwo in der Ferne rauschte ein Bach. Kein Vogel. Kein Auto. Absolute Stille.
„Lukas…“, flüsterte Anna. Ihre Stimme klang plötzlich klein.
Er nahm ihre Hand. „Komm. Wir sind da.“
Die letzten dreihundert Meter fühlten sich wie eine andere Welt an. Dann öffnete sich der Wald – und da stand es.
Schloss Schattenstein.
Es thronte auf einem kleinen Felsplateau, als hätte es die Jahrhunderte einfach ignoriert. Vier Türme, dunkler Sandstein, hohe schmale Fenster, die wie leere Augen in die Dämmerung starrten. Efeu rankte sich an den Mauern empor, aber nicht wild – als wäre er gezähmt. Die Zufahrt endete in einem gepflasterten Innenhof mit einem alten Brunnen in der Mitte. Rechts und links standen zwei steinerne Raben auf hohen Sockeln und schienen sie anzustarren.
Lukas stellte den Motor ab. Die plötzliche Stille war fast greifbar.
„Heilige Scheiße“, flüsterte er.
Anna stieg aus. Der Kies knirschte unter ihren Stiefeln. Sie ging langsam auf das Hauptportal zu – eine massive, zweiflügelige Eichentür mit eisernen Beschlägen. Oben prangte das gleiche Wappen wie auf dem Brief: Rabe und Turm.
Lukas kam mit den Schlüsseln. Zuerst der alte Eisenschlüssel. Er passte perfekt. Ein schweres, metallisches Klicken. Dann zog er den modernen Chip aus der Tasche und hielt ihn gegen eine unauffällige schwarze Platte neben der Tür.
Ein leises Summen ertönte. Über der Tür leuchtete ein kleines Display auf.
„Willkommen, Erbe von Schattenstein. System aktiviert. Guten Abend, Lukas und Anna Berger.“
Anna zuckte zusammen. „Es kennt unsere Namen?“
„Onkel Friedrich muss alles vorbereitet haben“, murmelte Lukas. Er drückte die Tür auf.
Warmer Luftzug schlug ihnen entgegen. Nicht muffig. Nicht kalt. Frisch. Als hätte jemand die Heizung schon vor Stunden hochgedreht.
Die Eingangshalle war riesig. Hohe Decke mit stuckverzierten Gewölben, ein Kronleuchter aus dunklem Eisen, der automatisch auf sanfte Helligkeit dimmte. Der Boden war aus poliertem dunklen Marmor. An der rechten Wand hing ein riesiger Spiegel. Links führte eine breite Treppe nach oben. Und überall – unauffällig in die Wand eingelassen – schimmerten flache Touchscreens. Einer direkt neben der Tür.
Lukas tippte darauf. Das Display erwachte zum Leben.
„Zentralsystem Schattenstein – Willkommen.
Temperatur: 22 °C
Beleuchtung: Empfangshalle 40 %
Sicherheit: Alle Türen verriegelt außer Haupteingang
Weitere Räume freischalten?“
Anna trat näher. Ihre Finger schwebten über dem Glas. Sie spürte Lukas hinter sich, seine Hände auf ihren Hüften, sein Atem in ihrem Nacken.
„Lass uns erst mal reingehen“, flüsterte er. „Das ganze Wochenende gehört uns.“
Sie drehte sich um, schlang die Arme um seinen Hals und küsste ihn – langsam, tief, mit einer neuen, fast fiebrigen Intensität. Draußen heulte der Wind um die Türme. Drinnen war es warm, still und… wartend.
Anna löste sich ein wenig und schaute die breite Treppe hinauf, die in Dunkelheit führte.
„Dann zeig mir unser Schloss, Lukas. Jedes Zimmer. Jeden Winkel.“
Sie wusste nicht, dass eines dieser Zimmer sie schon bald rufen würde. Mit glänzenden, schwarzen Versprechen. Und dass sie nicht mehr würde gehen können, wenn sie erst einmal eingetreten war.
Aber in diesem Moment gab es nur die Wärme seiner Hände, den Duft von altem Holz und Stein – und die prickelnde Gewissheit, dass ihr Leben gerade erst richtig begonnen hatte.
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| Ralf Walter |
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   Bredenfelde
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RE: Die Erbschaft
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Datum:02.03.26 21:32 IP: gespeichert
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Hallo DrSimon,
Du ,machst es aber richtig spannend.
Mit dem Satz "Sie wusste nicht, dass eines dieser Zimmer sie schon bald rufen würde. Mit glänzenden, schwarzen Versprechen. Und dass sie nicht mehr würde gehen können, wenn sie erst einmal eingetreten war." baust Du einen heftigen Spannungsbogen auf, der förmlich nach weiteren Fortsetzungen schreit.
Danke für die bisherigen Teile, die ich förmlich verschlungen habe ...
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| DrSimon |
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RE: Die Erbschaft
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Datum:02.03.26 22:40 IP: gespeichert
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Kapitel 4: Die endlosen Hallen von Schattenstein
Die schwere Eichentür fiel mit einem dumpfen, endgültigen Klang hinter ihnen ins Schloss. Anna stand mitten in der Eingangshalle, den Kopf in den Nacken gelegt, und konnte einfach nicht aufhören zu staunen. Der Kronleuchter über ihnen – ein gewaltiges Gebilde aus schwarzem Schmiedeeisen und Kristall – hatte sich automatisch auf ein warmes, goldenes Licht gedimmt, als würde das Schloss selbst sie willkommen heißen. Aber es war nicht nur die Halle. Es war die schiere Größe.
„Lukas… das ist kein Schloss“, flüsterte sie. „Das ist ein verdammtes Labyrinth.“
Er lachte leise, doch in seiner Stimme schwang dasselbe Staunen mit. „Onkel Friedrich hat nie ein Wort darüber verloren. Ich dachte an eine alte Villa. Vielleicht drei, vier Zimmer. Aber das hier…“
Sie begannen ihren Rundgang langsam, Hand in Hand, wie zwei Kinder, die zum ersten Mal einen verbotenen Palast betreten. Der Touchscreen neben der Tür zeigte eine interaktive Karte: drei Stockwerke, vier Türme, zwei Kellergewölbe und ein Dachboden, der sich über die gesamte Länge erstreckte. Über 40 Räume. Anna tippte darauf, und das System antwortete mit einer sanften Frauenstimme: „Willkommen, Anna Berger. Möchten Sie eine geführte Tour?“
„Nein“, sagte sie lächelnd. „Wir wollen uns verlaufen.“
Zuerst das Erdgeschoss. Der große Festsaal raubte ihnen den Atem. Eine Decke so hoch wie eine Kirche, mit Fresken von jagenden Raben und verschlungenen Ranken. Der Boden aus schwarzem und weißem Marmor schimmerte wie ein Schachbrett. An den Wänden hingen verblichene Gobelins, aber in einer Ecke stand ein moderner Kamin mit Glasfront, der sich per Touchscreen entzünden ließ. Lukas tippte – und Flammen loderten auf, als hätten sie nur darauf gewartet.
Nebenan die Bibliothek. Regale vom Boden bis zur Decke, vollgestopft mit ledergebundenen Büchern, die nach Staub und Geheimnissen rochen. In der Mitte ein riesiger Lesetisch mit eingebautem Touchscreen. Anna zog ein Buch heraus – ein Erstdruck von 1792 – und strich ehrfürchtig darüber. „Hier könnte ich monatelang sitzen…“
Die Küche war ein Schock der anderen Art. Altmodisch von außen, mit gewaltigem Steinherd und Kupferpfannen an der Wand, aber innen hochmodern: Induktionsfelder, ein amerikanischer Kühlschrank, der größer war als ihr Berliner Badezimmer, und ein Touchscreen, der Rezepte vorschlug und sogar die Vorratskammer inventarisierte. „Leer“, las Lukas vor. „Wir müssen morgen dringend einkaufen.“
Sie stiegen die breite Treppe hinauf. Jeder Schritt hallte. Oben erwartete sie ein endloser Korridor, der sich in beide Richtungen erstreckte, beleuchtet von Wandlampen, die automatisch angingen. Schlafzimmer reihten sich aneinander – mindestens acht. Manche mit Himmelbetten und schweren Samtvorhängen, andere mit modernen, tiefschwarzen Ledermöbeln. Jedes Zimmer hatte seinen eigenen Touchscreen: Temperatur, Musik, Vorhänge, sogar die Fensterläden ließen sich per Fingerstrich steuern.
Im Westturm fanden sie das Hauptschlafzimmer. Ein riesiger Raum mit Rundbogenfenstern, die einen atemberaubenden Blick über das dunkle Tal boten. Das Bett war größer als ihr ganzes Berliner Schlafzimmer. Anna ließ sich rücklings darauf fallen und lachte laut auf. „Lukas… wir könnten hier eine Woche lang nur im Bett bleiben und das Schloss würde uns immer noch nicht langweilen.“
Er legte sich neben sie, stützte sich auf einen Ellbogen und schaute sie an. Seine Finger strichen über ihre Wange. „Du strahlst, weißt du das? Wie früher, als wir noch nichts hatten außer Träumen.“
Sie küssten sich lange und langsam, während draußen der Wind um die Türme heulte. Die Berührung war zärtlich, aber unter der Oberfläche brodelte bereits etwas Heißeres – die Vorfreude auf all die Nächte, die vor ihnen lagen.
Später, als sie in der Küche eine Flasche Wein aus dem Keller geöffnet hatten (der Touchscreen hatte ihnen den besten Jahrgang empfohlen), setzten sie sich an den langen Esstisch und sprachen über das, was jetzt kommen sollte.
„Morgen früh fahren wir nach Dunkelbach“, sagte Lukas und schenkte nach. „Vorräte für mindestens zwei Wochen. Tiefkühltruhe voll, Wein, alles. Ich will nicht jeden Tag runter ins Dorf müssen.“
Anna nickte, ihre Augen leuchteten im Kerzenschein. „Und ich… ich rufe morgen in der Schule an. Ich nehme mir zwei weitere Wochen frei. Vielleicht sogar den ganzen November. Die Kollegin schuldet mir noch Urlaubstage. Ich will jedes Zimmer erkunden. Jeden Turm. Jeden Winkel. Dieses Schloss… es fühlt sich an wie unseres. Richtig unseres.“
Lukas schwieg einen Moment. Sein Daumen strich über ihren Handrücken. Dann holte er tief Luft.
„Ich muss Sonntag zurück, Anna.“
Die Worte hingen schwer in der Luft.
„Wichtige Termine. Der neue Kunde in München. Der Pitch am Montag. Ich kann das nicht verschieben. Der Chef hat schon dreimal angerufen.“ Er sah sie an, und in seinen Augen lag echte Trauer. „Ich hasse es. Ich will hierbleiben. Mit dir. Aber… ich komme nächsten Freitagabend wieder. Versprochen. Eine Woche lang bist du allein hier. Mit dem ganzen Schloss.“
Anna schluckte. Für einen kurzen Moment spürte sie einen Stich – Einsamkeit, gemischt mit etwas anderem. Etwas Aufregendem. Etwas Verbotenem. Ein ganzes Schloss nur für sie. Alle Zeit der Welt. Keine Termine. Keine Nachbarn. Nur sie und die Geheimnisse von Schattenstein.
Sie drückte seine Hand fester und lächelte tapfer.
„Eine Woche. Ich schaffe das. Und wenn du wiederkommst… zeige ich dir alles, was ich entdeckt habe. Jede Ecke. Jeden Raum.“ Ihre Stimme wurde leiser, verführerischer. „Und vielleicht habe ich dann schon ein paar Überraschungen für dich vorbereitet.“
Lukas zog sie auf seinen Schoß, vergrub das Gesicht an ihrem Hals. „Du bist verrückt. Und ich liebe dich dafür. Aber versprich mir eins: Sei vorsichtig. Schließ die Türen ab. Das System ist sicher, aber… dieses Schloss ist alt. Und Onkel Friedrich hatte offenbar Geheimnisse.“
Anna küsste ihn, tief und innig, und flüsterte an seinen Lippen: „Ich verspreche es. Und jetzt… bring mich ins Bett, Schlossherr. Unser erstes Mal in unserem eigenen Schloss. Die Woche ohne dich beginnt erst Sonntag.“
Draußen heulte der Wind stärker. Drinnen, in den endlosen Gängen von Schattenstein, erwachte etwas. Etwas, das geduldig gewartet hatte. Etwas, das genau wusste, dass Anna bald allein sein würde – neugierig, frei und vollkommen ahnungslos.
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