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  Lena, die Puppe
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evi.blum
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  Lena, die Puppe Datum:12.08.26 17:39 IP: gespeichert Moderator melden


**Kapitel 1**

Ich heiße Lena, bin 26 und habe schon als Kind mehr mit Puppen gesprochen als mit Menschen. Nicht weil ich schüchtern war, zumindest nicht nur. Sondern weil sie stillhielten. Weil sie taten, was man wollte. Weil sie schön waren, auch wenn niemand hinsah. Später wurde daraus etwas Größeres. Ich sammelte Marionetten, Gliederpuppen, Ball-Jointed Dolls. Ich lernte, sie zu führen, ihre Gelenke zu ölen, ihre Gesichter zu bemalen. Aber irgendwann reichte es nicht mehr, sie zu bewegen. Ich wollte die sein, die bewegt wird.

Der Gedanke ließ mich nicht los. Nachts lag ich wach und stellte mir vor, wie es wäre, wenn mein Körper nicht mehr mir gehörte. Wenn jemand anders die Fäden in der Hand hielt. Wenn ich nur noch Pose, Gewicht und Gehorsam wäre. Ich suchte monatelang. Foren, dunkle Ecken des Internets, Anzeigen, die nach zwei Tagen verschwanden. Die meisten Angebote waren entweder Betrug oder reiner Rollenspiel-Kram ohne echte Absicht. Bis ich auf die Seite stieß.

„Atelier Varn“. Spezialisierte Transformation und Führung. Keine großen Versprechen, keine kitschigen Bilder. Nur eine knappe Beschreibung und eine E-Mail-Adresse. Ich schrieb. Drei Tage später kam die Antwort: ein Termin. Heute.

Das Gebäude lag am Rand der Stadt, zwischen alten Lagerhallen. Kein Schild an der Tür, nur eine Klingel und eine Kamera. Ich drückte, das Schloss surrte, und ich trat ein. Der Flur war kahl, das Licht kühl. Am Ende wartete eine Frau hinter einem schmalen Empfangstisch. Mitte vierzig, strenge Haltung, dunkle Kleidung.

„Lena?“ fragte sie nur.

Ich nickte. Meine Hände waren feucht. Ich steckte sie in die Taschen meiner Jacke, damit sie nicht zitterten.

„Setzen Sie sich.“ Sie deutete auf den einzigen Stuhl vor dem Tisch. „Sie haben geschrieben, dass Sie eine Puppe werden wollen. Erklären Sie das genauer.“

Ich atmete einmal tief durch. Die Worte, die ich mir so oft im Kopf zurechtgelegt hatte, kamen plötzlich schwerer als gedacht.

„Ich will nicht mehr entscheiden müssen“, sagte ich. „Nicht mehr laufen, wann ich will. Nicht mehr sprechen, wann ich will. Ich will, dass jemand anders entscheidet, wie ich stehe, wie ich sitze, wie ich aussehe. Ich will Gelenke haben, die man feststellen kann. Ein Gesicht, das man bemalt. Und ich will… dass es wirklich ist. Nicht nur für eine Stunde.“

Die Frau beobachtete mich, ohne zu nicken. Nur ihr Kugelschreiber bewegte sich leicht zwischen den Fingern.

„Wir machen das hier nicht aus Spaß“, sagte sie schließlich. „Und nicht für Leute, die nach zwei Wochen wieder raus wollen. Wenn Sie hier anfangen, ändern sich Dinge. Körperlich. Mental. Manche kommen damit klar. Andere nicht. Bevor wir überhaupt über den Prozess sprechen, will ich wissen, wie weit Sie bereit sind zu gehen.“

Ich sah ihr in die Augen. Zum ersten Mal seit Wochen fühlte sich etwas in mir ruhig an.

„So weit, wie nötig“, antwortete ich. „Ich habe lange genug gesucht.“

Sie legte den Kugelschreiber beiseite, zog eine Mappe hervor und schob sie zu mir herüber.

„Dann lesen Sie das. Langsam. Und wenn Sie immer noch hier sitzen wollen, wenn Sie fertig sind… dann reden wir weiter.“

Ich schlug die Mappe auf. Draußen fuhr irgendwo ein Lkw vorbei. Drinnen war es still. Und zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass ich am richtigen Ort war.

**Kapitel 2**

Die Mappe war dicker, als sie von außen wirkte. Die Frau, sie hatte sich immer noch nicht vorgestellt, lehnte sich leicht zurück und beobachtete mich, während ich die ersten Seiten umblätterte.

„Lesen Sie erst die Verschwiegenheitserklärung“, sagte sie. „Ohne Unterschrift gehen wir keinen Schritt weiter. Was hier passiert, bleibt hier. Keine Fotos, keine Gespräche, keine Andeutungen. Auch nicht gegenüber Partnern, Freunden oder Ärzten. Verstöße werden juristisch verfolgt.“

Ich las. Die Formulierung war klar, kalt und ohne Schmuck. Ich unterschrieb, ohne zu zögern. Der Stift fühlte sich schwer an in meiner Hand.

Danach schob sie mir den eigentlichen Vertrag hin. „Das ist die Rahmenvereinbarung. Sie regelt nur das Grundsätzliche. Dauer und Kosten. Alles Konkrete, welche Art von Puppe, welche Haltung, welche Einschränkungen, welche Dauer der einzelnen Phasen, das kommt später. Erst müssen wir wissen, ob und wie Sie bezahlen.“

Ich blätterte weiter. Zwei Modelle waren aufgeführt.

„Selbstzahler“, erklärte sie, als sie meinen Blick bemerkte. „Sie tragen die gesamten Kosten selbst. Dafür behalten Sie das Bestimmungsrecht. Sie entscheiden über die Form der Transformation, über die Art der Führung, über die Dauer und auch darüber, was danach mit Ihnen geschieht. Verleih, Verkauf, private Nutzung, Rückführung, alles liegt bei Ihnen. Sie bleiben, in gewisser Weise, Eigentümerin Ihrer selbst.“

Sie machte eine kurze Pause.

„Oder gesponserte Zahlung. In diesem Fall übernimmt ein Dritter die Kosten. Manchmal ein Einzelner, manchmal eine Gruppe, manchmal eine Institution. Sobald Sie sich für eine bestimmte Puppenart entschieden haben, endet Ihr Mitspracherecht. Vollständig. Sie werden hergestellt, ausgebildet und anschließend nach den Wünschen des Sponsors eingesetzt. Keine Verhandlungen mehr. Keine Revision. Keine Rücknahme. Sie gehören dann nicht mehr sich selbst.“

Mein Mund war trocken. Gleichzeitig spürte ich, wie sich zwischen meinen Beinen alles zusammenzog. Die Feuchtigkeit kam schnell und deutlich. Ich presste die Oberschenkel unauffällig aneinander, aber es half nicht viel. Der Gedanke, dass jemand anderes nicht nur über meinen Körper, sondern über meine gesamte weitere Existenz entscheiden würde, ohne dass ich noch ein Wort mitzureden hätte, machte mich so erregt, dass mir kurz schwindlig wurde.

Die Frau sah mich an. Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich nicht, aber ich hatte das Gefühl, dass sie genau wusste, was gerade in mir vorging.

„Die meisten, die hier sitzen, reagieren auf eine der beiden Optionen besonders stark“, sagte sie ruhig. „Manche wollen die Kontrolle behalten. Andere wollen sie endgültig abgeben. Beides ist möglich. Beides hat Konsequenzen.“

Ich schluckte.

„Und die Dauer?“ fragte ich heiser.

„Für Selbstzahler frei verhandelbar. Für Gesponserte in der Regel unbefristet, sobald die Transformation abgeschlossen ist. Es gibt Ausnahmen, aber sie sind selten und teuer.“

Sie legte die Hände flach auf den Tisch.

„Sie müssen sich heute noch nicht endgültig entscheiden. Aber Sie müssen mir sagen, in welche Richtung Sie tendieren. Sonst machen wir hier nicht weiter.“

Ich spürte, wie meine Unterwäsche feucht an meiner Haut klebte. Der Gedanke an die zweite Option pulsierte in mir, heiß und klar.

„Ich… möchte mehr über die gesponserte Variante hören“, sagte ich leise.

Die Frau nickte einmal, wie wenn sie das erwartet hätte, und zog ein zweites Dokument aus der Schublade.

**Kapitel 3**

„Sie müssen heute nichts entscheiden“, sagte die Frau. Ihre Stimme blieb gleichmäßig, fast geschäftsmäßig. „Gar nichts. Ich erkläre Ihnen nur die gesponserte Variante, damit Sie verstehen, worauf Sie sich einlassen würden.“

Sie lehnte sich etwas vor.

„Bei der gesponserten Zahlung übernehmen externe Auftraggeber sämtliche Kosten: Transformation, Ausbildung, Haltung, Pflege. Im Gegenzug erwerben sie das vollständige Verfügungsrecht über das fertige Produkt. Sie wählen aus einem Katalog oder lassen nach Maß anfertigen. Sobald die grundlegende Form feststeht und der Prozess beginnt, haben Sie kein Mitspracherecht mehr. Keine Änderungswünsche. Keine Rücktrittsklausel. Keine Möglichkeit, später zu widersprechen. Sie werden hergestellt und anschließend nach den Vorgaben des Sponsors eingesetzt. Das kann Ausstellung sein, private Nutzung, Verleih an Dritte oder dauerhafte Lagerung. Alles, was der Auftraggeber wünscht.“

Mein Herz schlug so heftig, dass ich es in den Ohren spürte. Die Feuchtigkeit zwischen meinen Beinen war mittlerweile unangenehm deutlich. Ich rutschte unwillkürlich auf dem Stuhl hin und her.

Die Frau beobachtete mich einen Moment länger, dann fragte sie:

„Möchten Sie sich ein Bild vom Produkt machen?“

Die Frage traf mich wie ein Schlag. Ich nickte sofort, zu heftig, zu gierig. „Ja. Bitte.“

Sie stand auf, ohne ein weiteres Wort, und ging voraus. Ich folgte ihr durch eine unauffällige Seitentür in einen größeren Raum. Das Licht war hier heller, kühler, beinahe klinisch. Und dann sah ich sie.

Mehrere Puppen standen in einem weiten Halbkreis. Manche auf Sockeln, andere frei. Schlanke, fast knabenhafte Gestalten mit langen Gliedmaßen. Weibliche Figuren mit engen Taillen und betonten Hüften. Andere mit schweren Brüsten, weichen Bäuchen, dicken Schenkeln, richtig fette Körper, die dennoch steif und künstlich wirkten. Alle in verschiedenen Posen erstarrt. Manche mit leeren Gesichtern, andere bereits bemalt. Einige trugen Perücken, andere waren kahl. Die Vielfalt war absichtlich, beinahe demonstrativ.

Mein Atem ging flacher. Ich wollte näher heran, wagte es aber nicht ohne Erlaubnis.

Die Frau blieb vor einer klassischen Schaufensterpuppe stehen. Glatte, elfenbeinfarbene Oberfläche. Ausdrucksloses Gesicht mit leicht geöffneten Lippen. Arme in einer eleganten Verkaufshaltung angewinkelt. Beine parallel, Füße in einer Position, als trüge sie Absätze, obwohl sie barfuß war. Der Körper war schlank, aber nicht übertrieben. Realistisch genug, um menschlich zu wirken – und gleichzeitig so tot, dass der Gedanke absurd erschien.

„Diese hier“, sagte die Frau ruhig und legte eine Hand an die glatte Hüfte der Figur, „ist seit acht Monaten fertig. Der Sponsor lässt sie derzeit in einem privaten Showroom stehen.“

Ich starrte. Die Haut, oder was wie Haut aussah, war makellos. Keine Poren, keine Härchen, keine kleinen Unregelmäßigkeiten. Die Gelenke an Ellenbogen und Knien waren nur als feine Linien angedeutet. Ich wollte etwas sagen, aber mir fehlten die Worte.

„Das… das soll ein Mensch sein?“ brachte ich schließlich hervor. Meine Stimme klang dünn. „Da steckt wirklich jemand drin?“

Die Frau sah mich von der Seite an.

„Nicht mehr in dem Sinne, wie Sie es meinen. Der Körper wurde angepasst, stabilisiert und in dieser Form fixiert. Was übrig ist, dient dem Zweck. Sie atmet. Der Kreislauf funktioniert. Aber sie bewegt sich nicht selbstständig. Sie denkt nicht in dem Umfang, wie Sie es tun. Sie ist Produkt.“

Ich trat einen Schritt näher. Die Puppe roch nach nichts. Kein Parfüm, kein Schweiß, kein Mensch. Nur eine schwache, sterile Note. Mein Unterleib pochte heftig. Der Gedanke, dass in diesem steifen, makellosen Körper einmal jemand gewesen war, der genauso hier gestanden hatte wie ich jetzt, der genauso nass gewesen war vor Aufregung, ließ mich kurz die Augen schließen.

Als ich sie wieder öffnete, sah die Frau mich erwartungsvoll an.

„Fragen Sie ruhig“, sagte sie. „Solange Sie noch fragen können.“
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